der andre mit dem kühl gebietenden

Sei Herr der Zeit!

Da haben wir ein Drama, das fast unergründlich in die Tiefe der Seelen, fast unermeßlich und farbenschimmernd in die Breite des geschichtlichen Raums, in die Weite der Zeiten geht; ein Drama nur für reife Menschen — das gilt für den ganzen Shakespeare, aber für dies Stück besonders —, das man lieber gewinnt und mehr bestaunt, je öfter man es liest, das aber noch niemand in seiner umwerfenden und aufrichtenden, schüttelnden und streckenden Größe ganz kennt, weil es die Gestalt, nach der es verlangt, die Gestalt auf der Bühne noch nicht gefunden hat.

Diese Tragödie braucht für wichtige Szenen nach Shakespeares Anordnung, ich meine, auch zur Einleitung und mancher Überleitung, Musik feiner und starker Art, wie sie der Egmont gefunden hat, und braucht eine Stimmung und ein Tempo, eine Zugleichheit von schneller Folge, saftiger Breite und streng seelenvoller Tiefe, wie wenn ein Rubens und Rembrandt als einziger Meister ans Werk ginge.


Timon

Der Punkt ist erreicht, wo es kaum mehr möglich ist, von Shakespeares Schaffen zu reden, ohne auf sein Leben zurückzugreifen. Nicht zwar auf das Leben, von dem uns Gewährsmänner oder Dokumente berichten; kurz gesagt, auf den Menschen vielmehr, wie ich genötigt bin, ihn mir vorzustellen. Denen, die meiner Auffassung widerstreben, räume ich gern das Recht ein, mir einzuwenden, ich stütze eine Hypothese mit einer Hypothese. Ich, indem ich zugebe, daß hier die Phantasie am Werke ist, ohne die ich nicht auskomme, drücke es lieber so aus, daß ich sage: den Menschen Shakespeare und das Werk seiner letzten Zeit sehe ich in einem Zusammenhang, in dem allein ich dieses Werk verstehen kann und gegen den mir weder psychologische Erwägungen noch tatsächliche Überlieferungen sprechen, von welch letztern im Gegenteil einige meine Deutung unterstützen.

Ich brauche einen Rückblick. Das scheint das Besondere der ganz großen Dramen Shakespeares zu sein: Menschen und Handlung werden so mit einander zur Entwicklung gebracht, daß die Menschen von innen her sichtbar werden, daß sie einander gegenseitig erhellen, wobei zu ihrer äußern Gegensätzlichkeit und Hilfeleistung noch innerer Kontrast und Verwandtschaft treten, und daß sich uns so das innerste Leben, die tiefste Wahrheit, das verborgenste Geheimnis dieser Naturen offenbart.