So darf Shakespeares Cleopatra sich zu ihrer Apotheose rüsten. Von einer Schlange, die ein Bäuerlein bringt, läßt sie sich töten.

Stille, still!

Siehst du mein Kindlein nicht an meiner Brust

In Schlaf die Amme saugen?

Sanft und süß, unmerklich sacht holt die Schlange der Schlange das Leben aus der Brust und träufelt den Tod hinein; im reinsten aller Geschlechtsgefühle des Weibes, in unwirklich-phantastischer Mütterlichkeit verscheidet die liebliche Buhlerin.

Aber noch im Sterben bäumt sich die alte Isis in ihr auf, die alte Eva: sie freut sich noch, durch ihren Tod den klugen dummen Cäsar, der sie hatte fangen wollen, um seine Beute zu prellen!

Treue findet auch sie bis in den Tod: ihre Frauen, die ihr Leben geteilt haben und ihr ganz ähnlich geworden sind, sterben mit ihr: die eine setzt sich die Schlange an wie die Herrin; die andre war ihr einen Augenblick im Tod vorangegangen. Enobarbus’ scherzhaftes Wort vom schnellen Tod dieser Kammerfrauen ist Ernst geworden: ohne daß man eine Ursache erkannte, fiel sie tot hin, als Cleopatra, die Schlange schon am Busen, sie zum Abschied küßte, auch sie ein Weib, für das Tod und Liebesakt in seltsamem Rapport stehen.

So endet dieses Drama, eine Liebestragödie wie Romeo und Julia, eine Römertragödie wie Julius Cäsar, ein Pamphlet auch gegen die Geschlechtsliebe wie Troilus und Cressida. Dies alles ist es und ist es nicht; daß es aber — und ähnliches war für das sehr ernste Spiel von den Helden des Trojanischen Kriegs zu sagen — nicht eine Komödie, wozu sein scharfes Auge den Dichter bei diesem Stoff so leicht hätte verführen können, sondern trotz allem eine innig liebevolle Tragödie wurde, das ist das beste. Es ist die besondere Tragödie dieses besonderen reifen, überreifen, zeitlebens unreifen, zwischen Jugend und Alter stehenden Menschenpaares Antonius und Cleopatra in dem großen geschichtlichen Moment, wo die Antike reif, überreif, unreif zwischen Jugend und Alter, vor dem Ende steht.

Liebe und Politik gehören in diesem Drama so zusammen, wie in der wahren Geschichte der Völker privates und öffentliches Leben nicht zu trennen sind. Die prachtvollen politischen Szenen des Stückes stehen darum mit seinem Sinn in so naher Berührung wie die Liebesszenen: das Staatsgespräch, wie Antonius und Octavius sich zuerst wieder begegnen, das in seiner kühlen Überlegtheit seinesgleichen nur in den politischen Szenen des Egmont hat; die Bankettszene auf dem Schiff des Pompejus, wo mitten in römisch-traditionelle, aber nicht mehr durchweg festgehaltene Würde süditalienische Seeräubertücke und griechisch-orientalischer Tanztaumel kommt, wo Antonius und Octavius einander scharf gegenüberstehen, der eine mit seinem lässig-nachgebenden Trinkspruch

Schickt euch in die Zeit!