Oft hatte sie von Frauen gehört und gelesen, besonders von blonden, die trotz heftigsten Abscheu’s vor Negern ihnen zu willen sein müßten, — daß das wilde afrikanische Blut einen magischen Zwang auf sie ausübe, gegen den jeder Widerstand vergebens sei; sie hatte es nie geglaubt und solche Geschöpfe als niedrig und tierisch verachtet, jetzt erkannte sie an sich selbst mit kaltem Grauen, daß eine finstere Macht dieser Art existierte. — Die scheinbar unüberbrückbare Kluft, die Entsetzen und Sinnenrausch auseinanderhielt, war in Wirklichkeit nur eine dünne, durchsichtige Scheidewand, die, wenn sie brach, die Seele einer Frau rettungslos zum Tummelplatz bestialischer Instinkte werden lassen mußte.

Was konnte diesem Wilden, halb Raubtier, halb Mensch, indem er innerlich nach ihr rief, die unerklärliche Gewalt verleihen, daß es sie wie eine Mondsüchtige durch fremde Gassen zu ihm zog, wenn nicht Saiten in ihr unbewußt unter dem Schrei seiner Brunst miterklangen, von deren Vorhandensein sie sich stolz frei geglaubt?

Besaß dieser Neger eine teuflische Macht über jede weiße Frau, fragte sie sich, bebend vor Angst, oder stand sie selbst so viel tiefer als die vielen andern, die seinen magischen Lockruf nicht einmal gehört, viel weniger ihm Folge geleistet hätten?

Sie sah keine Rettung mehr vor sich. Alles, was sie für ihren Geliebten und für sich ersehnt hatte an Glück, ging mit ihrem Leibe zugrunde. Was sie über die Schwelle des Todes hinüber zu retten vermochte, war gestaltlos und konnte ihr das nicht geben, wonach sie begehrte. — Sie hatte sich von der Erde abwenden wollen, aber der Erdgeist hielt fest mit eisernem Griff, was ihm gehörte. — Wie eine Verkörperung seiner Allgewalt stand der Neger riesenhaft vor ihr.

Sie sah, daß er aufsprang und seine Betäubung abschüttelte. Dann packte er sie an den Armen und riß sie an sich.

Sie schrie auf, und ihr Hilferuf gellte von den Mauern der Häuser wider, aber er preßte ihr die Hand auf den Mund, daß sie fast erstickte.

Um den entblößten Hals hing ihm, wie einem Fleischerhund, ein dunkelroter lederner Strick, — sie faßte darnach und hielt sich krampfhaft daran fest, um nicht zu Boden gedrückt zu werden.

Einen Augenblick bekam sie den Kopf frei. Mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft schrie sie nochmals um Hilfe.

Man mußte sie gehört haben, denn eine Glastür klirrte, Gewirr von Stimmen schlug an ihr Ohr und ein breiter Lichtschein fiel grell über die Gasse.

Dann fühlte sie, daß der Neger mit ihr in wilden Sätzen dem Schatten der Nikolaskirche zujagte; zwei chilenische Matrosen mit orangegelben Schärpen um die Hüften waren ihnen bereits dicht auf den Fersen, — sie sah die offenen Messer in ihren Händen blitzen und ihre bronzenen, mutigen Gesichter immer näher kommen.