Eidotter zögerte. „Sie meinen also, Herr Doktor, ich bin gar nicht der Mörder?“
„Natürlich sind Sie’s nicht! Das ist doch sonnenklar.“
Wieder dachte der Alte eine Minute nach, dann brummte er gelassen:
„Nu. Das ist gescheit.“ — Keine Spur von Freude oder Erleichterung war in seinem Gesicht zu lesen. Nicht einmal Erstaunen.
Die Sache wurde Sephardi immer rätselhafter. Hätte eine Bewußtseinsverschiebung in Eidotter stattgefunden, würde es der Ausdruck der Augen, die nach wie vor gleich kindlich dreinschauten, oder ein Mienenspiel verraten haben. An absichtliche Verstellung war nicht zu denken: der Greis hatte die Erkenntnis der Tatsache, daß er unschuldig war, hingenommen wie etwas kaum Erwähnenswertes.
„Und wissen Sie auch, was mit Ihnen geschehen wäre,“ fragte Sephardi eindringlich, „wenn Sie die Tat wirklich begangen hätten? — Sie wären hingerichtet worden!“
„Hm. Hingerichtet worden.“
„Jawohl. Erschreckt Sie das nicht?“ —
Offenbar wirkte die Frage nicht auf das Gemüt des alten Mannes. Nur sein Gesicht wurde ein wenig nachdenklicher — so wie von einer Erinnerung erhellt. Dann zuckte er die Achseln und sagte: — „Mir is im Leben schon Schrecklicheres passiert, Herr Doktor.“
Sephardi wartete, was weiter kommen würde, aber Eidotter war bereits wieder in seine totenhafte Ruhe versunken und schwieg.