„Waren Sie von jeher Branntweinhändler?“

Kopfschütteln.

„Geht Ihr Geschäft gut?“

„Ich weiß nicht.“

„Hören Sie, wenn Sie so gleichgültig in Ihrem Beruf sind, kann’s Ihnen eines Tages geschehen, daß Sie um alles kommen.“

„Freilich. Wann mer nicht acht gibt,“ war die naive Antwort.

„Wer gibt acht? Sie? Oder haben Sie eine Frau? Oder Kinder, die acht geben?“

„Meine Frau is schon lang tot. — Und — und die Kinderlich aach.“

Sephardi glaubte einen Weg zum Herzen des alten Mannes vor sich zu sehen: — „Denken Sie nicht zuweilen in Liebe an Ihre Familie zurück? Ich weiß ja nicht, ob es schon lange her ist, daß Sie sie verloren haben, aber glücklich können Sie sich doch unmöglich fühlen in Ihrer Einsamkeit! — Sehen Sie, ich habe auch niemand, der um mich wäre, und kann mich daher um so leichter in Ihre Lage versetzen. Wirklich, ich frage jetzt nicht nur aus Wißbegierde, um mir das Rätsel zu lösen, das Sie für mich sind,“ — unwillkürlich vergaß er, weshalb er gekommen war — „ich frage Sie aus reiner Menschlichkeit und —“

„und weil Ihnen nebbich so zu mut is und Sie nicht anders können,“ ergänzte zu seinem größten Erstaunen Eidotter, einen Augenblick ganz verändert; — in dem bisher leblosen Gesicht war etwas aufgeblitzt wie Mitgefühl und tiefes Verständnis. Eine Sekunde später erschien es wieder als das unbeschriebene Blatt, das es von Anfang an gewesen war, — „Rabbi Jochanan hat gesagt: ‚Ein passendes Ehepaar unter den Menschen zusammenzubringen ist schwerer als das Wunder Mosis im roten Meer,‘“ — hörte Sephardi ihn geistesabwesend murmeln. Mit einem Schlag begriff er, daß der Alte seinen Schmerz um den Verlust Evas, der ihm selbst momentan nicht klar zum Bewußtsein gekommen war, wenn auch vorübergehend mitempfunden hatte.