Er erinnerte sich, daß unter den Chassiden die Legende ging, es gäbe in ihrer Gemeinschaft Menschen, die den Eindruck von Wahnsinnigen machten und es trotzdem nicht wären, — die zu Zeiten ihres Ichs entkleidet, die Leiden und Freuden der Mitwelt so deutlich am eigenen Herzen erführen, als wären sie selber die davon Betroffenen. — Er hatte es für eine Fabel gehalten; — sollte wirklich dieser sinnverwirrte Greis ein lebendiger Zeuge für die Wahrheit jener Behauptung sein? — Sein Benehmen, die Einbildung, Klinkherbogk ermordet zu haben, seine bisherige Handlungsweise, kurz alles bekam einen neuen Zusammenhang, wenn es sich tatsächlich so verhielt.

„Können Sie sich nicht entsinnen, Herr Eidotter,“ fragte er im höchsten Grade interessiert, „ob es Ihnen schon einmal passiert ist, daß Sie glaubten, irgendeine Handlung begangen zu haben, die sich später als die Tat eines andern herausstellte?“

„Ich hab mich nix drum gekümmert.“

„Aber, daß Sie in Ihrem Denken und Fühlen nicht so beschaffen sind wie Ihre Mitmenschen — wie ich zum Beispiel, oder wie Ihr Freund Swammerdam, werden Sie vielleicht wissen? Neulich, als wir uns bei ihm kennen lernten, waren Sie nicht so einsilbig und viel lebhafter. Hat Sie der Tod Klinkherbogks so angegriffen?“ — Sephardi faßte voll Teilnahme die Hand des Alten. — „Wenn Sie Sorgen haben oder Erholung brauchen, so vertrauen Sie sich mir an, ich will alles tun, um Ihnen beizustehen. Ich glaube auch nicht, daß Ihr Geschäft am Zee Dyk das Richtige für Sie ist. Vielleicht ist es mir möglich, Ihnen einen andern und — würdigeren Beruf zu verschaffen. — Warum wollen Sie eine Freundschaft, die Ihnen angeboten wird, zurückweisen?“

Es war deutlich zu sehen, daß die warmen Worte dem Alten wohl taten.

Er lächelte glückselig wie ein Kind, das man belobt, aber ein Verständnis für das, was ihm in Aussicht gestellt wurde, schien er nicht zu haben.

Ein paarmal öffnete er den Mund, als wolle er sich bedanken, aber er fand offenbar die Worte nicht.

„Bin — bin ich damals anders gewest?“ — fragte er endlich stockend.

„Gewiß. Sie sprachen ausführlich mit mir und der übrigen Gesellschaft. Sie waren menschlicher, sozusagen; Sie disputierten sogar mit Herrn Swammerdam über Kabbala. — Ich entnahm daraus, daß Sie sich viel mit Fragen über Religion und Gott befaßt haben.“ — Sephardi brach schnell ab, denn er bemerkte, daß eine Veränderung im Gesicht des Greises vor sich ging.

„Kabbala — — Kabbala,“ murmelte Eidotter. „Ja, freilich, Kabbala, die hab ich studiert. Lang. Und Babli auch. Und — und Jeruschalmi.“ — Seine Gedanken fingen an, in eine ferne Vergangenheit zurückzuwandern; er sprach sie aus, als stünden sie abseits von ihm, — wie jemand, der auf Bilder zeigt und sie einem andern erklären will, bald langsam, bald schnell, je nachdem sie an seinem Gedächtnis vorüberzogen. — „Aber was drin steht in der Kabbala — über Gott — is falsch. Es is ganz anderst in der Lebendigkeit. Damals — in Odessa — da hab ich’s noch nicht gewußt. — Im Vatikan in Rom hab ich müssen übersetzen aus dem Talmud.“ —