Eidotter faßte ihn am Ärmel. „Schauen Sie, Herr Dokter, wenn ich jetzt in das Tuch zwick’, haben Sie doch kan Schmerz? — Ob’s dem Ärmel weht tut, wer kann wissen? — So is es bei mir. Ich seh, es is einmal was geschehen, was eigentlich hätt schmerzen müssen; ich weiß es genau, aber ich spür’s nicht. Weil mein Gefühl im Kopf is. — Ich kann aber auch nicht mehr zweifeln, wenn mir jemand irgend was sagt, so wie ich’s in meiner Jugend in Odessa noch gekonnt hab’. Ich muß es glauben, weil mein Denken jetzt im Herzen is. — Ich kann mir auch nichts mehr ausgrübeln wie früher. Entweder es fallt mir was ein, oder es fallt mir nix ein; fallt mir was ein, dann is es auch in Wirklichkeit so und ich erleb’s so deutlich, daß ich nicht unterscheiden könnt’: war ich dabei oder nicht. Deshalb probier ich’s gar nicht erst, drieber nach zu denken.“

Sephardi begriff jetzt halb und halb, wie es zu dem Geständnis vor Gericht gekommen war.

„Und Ihre tägliche Beschäftigung? Wie sind Sie imstande, ihr nachzugehen?“

Eidotter deutete wieder auf den Ärmel. — „Das Kleid schützt Sie vor der Näss’, wenn’s regnet, und vor der Hitz, wenn die Sonn’ scheint. Ob Sie sich darum sorgen oder nicht: — das Kleid macht’s von selber. — Mein Körper kümmert sich um das Geschäft, nur weiß ich nichts mehr davon wie früher. Hat doch schon Rabbi Simon ben Eleasar gesagt: ‚Hast du je einen Vogel ein Handwerk treiben gesehen? — und doch ernährt er sich ohne Müh’ — und ich sollt mich nicht ohne Müh’ ernähren?‘ — — Natürlich, wenn die Makifim nicht in mir umgestellt wären, könnt ich mein Körper nicht allein lassen und wär an ihn angenagelt.“

Sephardi, durch die klare Rede aufmerksam gemacht, warf einen prüfenden Blick auf den alten Mann und sah, daß er sich anscheinend in nichts mehr von einem normalen russischen Juden unterschied: er gestikulierte beim Sprechen mit den Händen, und seine Stimme hatte etwas Eindringliches bekommen. Die so überaus verschiedenen Geisteszustände waren lückenlos ineinander übergegangen.

„Freilich, aus eigner Kraft kann der Mensch so was nicht vollbringen,“ — fuhr Eidotter versonnen fort, — „da hilft alles studieren nix und ka Gebet und auch die Mikwaôth — die Tauchbäder — sind umsonst. Wenn nicht einer von drüben die Lichter in einem umstellt — wir können’s nicht.“

„Und Sie glauben, es ist einer von ‚drüben‘ gewesen, der es in Ihnen vollbracht hat?“

„Nu ja: Elias, der Prophet, wie ich Ihnen schon gesagt hab. Wie er eines Tags is in unser Zimmer gekommen, da hab’ ich schon vorher an seinem Schritt gehört: Er is es. — Früher, wenn ich mir gedenkt hab’, es könnte sein, daß er einmal unser Gast is, — Sie wissen doch, Herr Dokter, wir Chassidim hoffen beständig auf ihm — da hab’ ich immer gemeint, ich müßt zittern an allen Gliedern, wenn er vor mir steht. Aber es war ganz natürlich; so, als wenn ä ganz gewöhnlicher Jud zur Tür herein tritt. Nicht emol das Herz hat mir schneller geschlagen. Blos zweifeln hab ich nicht daran können, daß er’s is, so viel ich mir auch angestrengt hab. — Wie ich ihn dann nicht mehr aus den Augen gelassen hab’, is mir sei’ Gesicht immer bekännter und bekännter vorgekommen und ich hab’ plötzlich gewußt, daß nicht ä einzige Nacht in meinem Leben gewesen is, wo ich ihn nicht im Traum gesehen hätt’. Und wie ich weiter und weiter in meinem Gedächtnis zurückgegangen bin (denn ich hätt’ doch gern herausgebracht, wann ich ihm zum allererstenmal begegnet bin), — da is meine ganze Jugend an mir vorüber gezogen: ich hab’ mich als kleines Kind gesehen und dann noch viel früher, in äm frieheren Leben, als ä erwachsener Mensch, von dem ich vorher gar nicht geahnt hab’, daß ich’s gewest bin, und dann wieder als Kind und so fort und so fort, — aber jedesmal war Er bei mir und immer war er gleich alt und hat genau so ausgesehen, wie der fremde Gast am Tisch. — Ich hab’ natierlich scharf aufgepaßt auf jede von seine Bewegungen und auf alles, was er machen wird; — wenn ich nicht gewußt hätt’, es is Elias, wär mir auch dran nichts besonders aufgefallen, aber so hab’ ich gespürt, daß alles, was er getan hat, ä tiefe Bedeutung gekriegt hat. Dann, wie er im Gespräch die zwei Leuchter am Tisch miteinander vertauscht hat, is es mir ganz deutlich geworden und ich hab’ gefühlt, daß er in mir die Lichter umstellt, und ich bin von da an ä anderer Mensch gewest, — meschugge, wie mer in der Gemeinde gesagt hat. — Zu was für än Zweck Er die Lichter in mir umgestellt hat, das habe ich später gewußt, als meine Familie is geschlachtet geworden. — Auf was herauf Berurje geglaubt hat, daß er Chidher Grün heißt, wollen Sie wissen, Herr Dokter? — Sie hat behauptet, er hätt’s ihr gesagt.“

„Ist er Ihnen später nie mehr begegnet? Sie erwähnten doch, er hätte Sie in der Mercaba unterrichtet,“ — fragte Sephardi — „ich meine damit: in dem geheimen zweiten Gesetz Mosis?“

„Begegnet?“ wiederholte Eidotter und strich sich über die Stirn, als müsse er sich erst langsam klar werden, was man von ihm wolle. „Begegnet? — Wo er einmal bei mir war, wie hätt’ er denn wieder fortgehen sollen? Er is doch immer bei mir.“