„Und Sie sehen ihn beständig?“

„Ich seh’ ihn überhaupt nicht.“

„Aber Sie sagen, er sei immerwährend bei Ihnen. — Wie soll ich das verstehen?“

Eidotter zuckte die Achseln. „Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen, Herr Dokter.“

„Können Sie es mir nicht an einem Beispiel erklären? Redet Elias zu Ihnen, wenn er Sie unterweist, oder wie ist das?“

Eidotter lächelte. — „Wenn Sie sich freuen, ist da die Freude bei Ihnen? Ja. Natierlich. Aber Sie können die Freude doch nicht anschauen und nicht hören. — So is es.“

Sephardi schwieg. Er sah ein, daß sich eine geistige Kluft des Verständnisses zwischen ihm und dem Alten auftat, die sich nicht überbrücken ließ. Wohl deckte sich, wenn er es ausspann, vieles, was er soeben von Eidotter gehört hatte, mit seinen eignen Theorien über die innere Weiterentwicklung der menschlichen Rasse; — er selber hatte immer der Ansicht zugeneigt und es auch ausgesprochen, — gestern erst in Hilversum — daß der Weg dazu in den Religionen und im Glauben an sie läge, aber jetzt, wo er an dem Greis ein lebendiges Beispiel vor sich sah, fühlte er sich durch die Wirklichkeit überrascht und enttäuscht zugleich. Er mußte sich eingestehen, daß Eidotter dadurch, daß er dem Schmerz nicht mehr unterlag, unendlich viel reicher war als alle seine Mitgeschöpfe, — er beneidete ihn um seine Fähigkeit und dennoch hätte er nicht mit ihm tauschen mögen.

Ein Zweifel wandelte ihn an, ob das, was er gestern in Hilversum in bezug auf den Weg der Schwäche und des Wartens auf eine Erlösung verfochten, letzten Endes auch richtig sei.

Er hatte sein Leben, umgeben mit einem Luxus, von dem er keinen Gebrauch gemacht, einsam, abgeschlossen von den Menschen und in Studien aller Art zugebracht, — jetzt schien es ihm, als hätte er dabei so manches übersehen und das Wichtigste versäumt.

Hatte er sich in Wahrheit nach Elias und seinem Kommen gesehnt, so wie dieser arme, russische Jude? Nein; er hatte sich nur eingebildet, er sehne sich, und war sich durch Lesen darüber klar geworden, daß es für die Erweckung eines inneren Lebens nötig sei, sich zu sehnen. Jetzt stand einer leibhaftig vor ihm, der die Erfüllung seiner Sehnsucht erlebt hatte, und er, der große Bücherweise, Sephardi, mußte sich sagen: ich möchte nicht mit ihm tauschen.