Tief beschämt, nahm er sich vor, bei der nächsten Gelegenheit Hauberrisser, Eva und Baron Pfeill zu erklären, daß er in Wirklichkeit so gut wie nichts wisse — daß er unterschreiben müsse, was ein jüdischer Schnapshändler, der seiner Sinne nicht mächtig war, über geistige Erlebnisse gesagt hatte: „Mit dem Verstand läßt sich das nicht begreifen.“

„Es is wie ä Hiniebergehen ins Reich der Fülle“ — fuhr Eidotter nach einer Pause fort, während der er selig vor sich hingelächelt hatte, — „es is kei’ Herieberkommen, wie ich früher immer geglaubt hab’. Aber es is ja alles falsch, was ä Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, — so grundfalsch, daß mer’s gar nicht erfassen kann. Mer hofft, daß Elias kommt, und dann, wenn er kommt und er is da, sieht mer, daß er gar nicht gekommen is, sondern: daß mer zu ihm gegangen is. Mer glaubt, mer nimmt, statt dessen gibt man. Man glaubt, mer bleibt stehn und wartet, statt dessen geht mer und sucht. Der Mensch wandert und Gott bleibt stehen. — Elias is in unser Haus gekommen — hat ihn Berurje erkannt? Sie is nicht zu ihm gekommen, also is auch er nicht zu ihr gekommen und sie hat gemeint, es is ä fremder Jud, der Chidher Grün heißt.“

Sephardi blickte bewegt in die strahlenden Kinderaugen des Alten. „Ich verstehe jetzt sehr wohl, wie Sie es meinen, wenn ich’s auch mit dem Gefühl nicht mitzuerleben vermag, — und ich danke Ihnen. — Ich wollte, ich könnte etwas für Sie tun. — Sie frei zu bekommen, kann ich Ihnen bestimmt versprechen; es wird nicht schwer sein, Doktor Debrouwer zu überzeugen, daß Ihr Geständnis mit dem Morde nichts zu tun hat. — Allerdings,“ — setzte er mehr für sich hinzu — „weiß ich augenblicklich noch nicht, wie ich ihm den Fall erklären soll.“

„Darf ich Ihnen um ä Gefälligkeit bitten, Herr Dokter?“ — unterbrach Eidotter.

„Selbstverständlich. Natürlich.“

„Dann sagen Sie dem da draußen gar nix. Soll er glauben, ich war’s; so wie ich es selbst geglaubt hab’. Ich möcht’ nicht schuld sein, daß mer den Mörder findt. Ich weiß jetzt auch, wer’s is. Ihnen gesagt: es war ä Schwarzer.“

„Ein Neger? Woher wissen Sie das mit einemmal?“ rief Sephardi verblüfft und einen Augenblick von Mißtrauen erfüllt.

„Das is so,“ erklärte Eidotter gelassen: „Wenn ich im traumlosen Schlaf ganz mit Elias vereinigt war und komm zurück so halb in’s Leben in mein Spiritusladen, und es is inzwischen was passiert, so glaub’ ich oft, ich bin dabei gewest und hab’ mitgemacht. Wenn zum Beispiel jemand ä Kind geschlagen hat, glaub ich, daß ich’s geschlagen hab’, und muß hingehen und es trösten; wenn jemand vergessen hat, sein’ Hund zu füttern, glaub ich, ich hab’s vergessen und muß ihm sei’ Fressen bringen. Nachher, wenn ich zufällig erfahr’, daß ich mich geirrt hab’, brauch ich bloß für än Augenblick wieder ganz zu Elias zu gehen und gleich wieder zurück zu kümmen, dann weiß ich sofort, wie’s in Wirklichkeit gewest is. Ich mach sowas selten, weil’s kan Zweck hat und schon das halbete Weggehen von Elias so is, als ob mer blind wird, aber vorhin, wie Sie ä so lang nachgedenkt haben, Herr Dokter, hab’ ich’s doch gemacht und da hab’ ich gesehen, daß es ä Schwarzer war, der wo mein Freund Klinkherbogk umgebracht hat.“

„Wie — wie haben Sie gesehen, daß es ein Neger war?“

„Nu, ich bin wieder im Geist auf der Kette ’eraufgeklettert, blos hab’ ich mich diesmal angeschaut und da hab’ ich schon äußerlich gesehen: ich bin ä Schwarzer mit än roten Lederstrick um en Hals, kane Stiebeln an und en blauen Leinwandanzug. Und wie ich mich innerlich angeschaut hab’, hab’ ich schon gar gewußt, ich bin ä Wilder.“