„Das sollte man aber wirklich Dr. Debrouwer melden,“ rief Sephardi und stand auf.
Eidotter hielt ihn am Ärmel fest: „Sie haben mir versprochen, zu schweigen, Herr Dokter! Um Elias willen darf ka Blut nicht fließen. Die Rache is mein. Und dann —“ — das freundliche Greisengesicht bekam plötzlich etwas drohend Fanatisches, Prophetenhaftes — „und dann is der Mörder aner von ünsere Leut! — Nicht ä Jud, wie Sie jetzt wieder meinen —“ erklärte er, als er Sephardis verdutzte Miene bemerkte, — „aber doch aner von unsere Leut! Ich hab’s erkannt, wie ich ihn soeben innerlich angeschaut hab. — Daß er ä Mörder is?! — Wer soll richten? Wir? Sie und ich? Die Rache is mein. Er is ä Wilder und hat sein Glauben; Gott soll hüten, daß viele so än gräßlichen Glauben haben wie er, aber sei Glauben is echt und lebendig. Das sind unsere Leut’, die wo än Glauben haben, der im Feuer Gottes nicht schmilzt, — der Swammerdam, der Klinkherbogk und der Schwarze auch. Was is Jud, was is Christ, was is ä Heide? Ä Name für die, wo ä Religion haben statt än Glauben. Und darum — verbiet’ ich Ihnen, daß Sie sagen, was Sie jetzt über den Schwarzen wissen! — Wann es sein soll, daß ich für ihm den Tod erleid’, dürfen Sie mir so ä Geschenk wegnehmen?“
— — — — — — — —
Erschüttert trat Sephardi seinen Heimweg an.
Es ging ihm nicht aus dem Kopf, wie seltsam es war, daß Dr. Debrouwer im Grunde genommen von seinem Standpunkt aus gar nicht so unrecht gehabt hatte, als er läppischer Weise sagte, Eidotter sei im Komplott und wolle durch sein Geständnis Zeit für den wirklichen Mörder gewinnen. Jede einzelne Behauptung stimmte, und es war der nackte Sachverhalt, und dennoch hätte Debrouwer nichts Unrichtigeres annehmen und mehr im Irrtum sein können.
Jetzt erst begriff Sephardi in voller Klarheit die Worte Eidotters: „Alles, was ein Mensch glaubt, solang die Lichter in ihm noch nicht umgestellt sind, ist falsch und wenn’s noch so richtig ist — es ist so grundfalsch, daß man es gar nicht erfassen kann. Man glaubt, man nimmt, statt dessen gibt man; man glaubt man bleibt stehen und wartet, statt dessen geht man und sucht.“
Elftes Kapitel
Woche um Woche verging, aber Eva blieb verschollen. Baron Pfeill und Dr. Sephardi hatten entsetzt von Hauberrisser die Schreckensbotschaft vernommen und alles nur Denkbare aufgeboten, die Verschwundene zu finden; an jeder Straßenecke klebten Aufrufe und Steckbriefe, und bald war der Fall Tagesgespräch geworden unter Einheimischen und Fremden.
In der Wohnung Hauberrissers war ein ewiges Kommen und Gehen, die Leute drängten sich vor dem Hause, einer gab dem andern die Türklinke in die Hand und jeder wollte irgendeinen Gegenstand gefunden haben, von dem sich vermuten ließ, er gehöre der Vermißten, denn schon auf die kleinste Nachricht über Eva stand eine hohe Belohnung.
Wie Lauffeuer tauchten Gerüchte auf, man hätte sie da oder dort gesehen; anonyme Briefe mit dunklen, geheimnisvollen Andeutungen, von Verrückten oder Böswilligen geschrieben, verdächtigten Unschuldige, Eva verschleppt zu haben oder gefangen zu halten; Kartenschlägerinnen boten sich zu Dutzenden an; „Hellsehende“, von denen früher kein Mensch je etwas gehört, tauchten auf und prahlten mit Fähigkeiten, die sie nicht besaßen: — die Massenseele einer Stadtbevölkerung, die bis dahin harmlos erschienen, offenbarte sich in all ihren niedrigen Instinkten von Habgier, Klatschsucht, Wichtigtuerei und verleumderischer Hinterlist.