Beschämt raffte sich Hauberrisser auf. Er schrieb einen Zettel des Inhalts, er sei verreist und man möge alle Mitteilungen, den Fall Eva van Druysen betreffend, nur mehr an die Polizei richten, und ließ ihn von seiner Wirtschafterin an das Haustor kleben.

Seine Ruhe kehrte jedoch damit nicht zurück; wohl zehnmal in der Stunde ertappte er sich auf dem Wunsche, hinunter zu gehen, um den Zettel wieder abzureißen.

Er nahm die Rolle vor und wollte sich zum Lesen zwingen, aber nach jeder Zeile wanderten seine Gedanken hinaus und suchten nach Eva, und wenn er seine Aufmerksamkeit auf das Papier bannen wollte, flüsterten sie ihm zu, es sei Narretei, in dem Geschreibsel nach abseits liegenden, rein theoretischen Fragen zu fahnden, wo jede Minute nach Taten schrie.

Schon wollte er das Heft wieder in den Schreibtisch sperren, da hatte er plötzlich und so deutlich das Gefühl, von einer unsichtbaren Macht überlistet worden zu sein, daß er einen Augenblick innehielt und nachsann. Es war mehr ein Lauschen als ein Sinnen.

„Was ist das für eine seltsame unheimliche Kraft,“ fragte er sich, „die da so unschuldig tut und, um ihr Sondersein vor mir zu verbergen, sich als mein eigenstes Ich gebärdet und meinen Willen zum Gegenteil von dem mißbraucht, was ich mir kaum eine Minute früher fest vorgenommen habe? Ich will lesen und darf nicht?“ — Er blätterte in den Seiten und bei jedem Hindernis, das sich ihm bei dem Versuch, den Inhalt zu ordnen, entgegenstellte, meldeten sich die zudringlichen Gedanken von neuem: „laß es bleiben, du findest den Anfang nicht; es ist vergebliche Arbeit.“ — Aber er stand Wache vor der Türe seines Willens und ließ sie nicht hinein. Seine alte Gewohnheit, sich selbst zu beobachten, fing leise an, wieder in ihre Rechte zu treten.

„Wenn ich nur den Anfang fände!“, stöhnte wieder heuchlerisch eine Selbstbelügung in ihm auf, während er mechanisch die Seiten umschlug, aber diesmal gab ihm die Rolle selbst die richtige Antwort:

„Der Anfang“ — las er, an einer ixbeliebigen Stelle beginnend, und stutzte über den eigentümlichen Zufall, gerade auf dieses Wort gestoßen zu sein, — „ist es, der dem Menschen fehlt.

Nicht, daß es so schwer wäre, ihn zu finden, — nur die Einbildung, ihn suchen zu müssen, ist das Hemmnis.

Das Leben ist gnädig; jeden Augenblick schenkt es uns einen Anfang. Jede Sekunde drängt uns die Frage auf: Wer bin ich? — Wir stellen sie nicht; das ist der Grund, weshalb wir den Anfang nicht finden.

Wenn wir sie aber einmal im Ernste stellen, dann bricht auch schon der Tag an, dessen Abendrot für jene Gedanken den Tod bedeutet, die in den Herrschersaal eingedrungen sind und an der Tafel unserer Seele schmarotzen.