Stell dich fest hin, raff dich zusammen und zwing dich einen einzigen Augenblick nur zu dem körperdurchrieselnden Gefühl: ‚jetzt bin ich wach!‘
Gelingt es dir, das zu empfinden, so erkennst du auch sogleich, daß der Zustand, in dem du dich soeben noch befunden hast, dagegen wie Betäubung und Schlaftrunkenheit erscheint.
Das ist der erste zögernde Schritt zu einer langen, langen Wanderung von Knechttum zu Allmacht.
Auf diese Art geh’ vorwärts von Aufwachen zu Aufwachen.
Es gibt keinen quälenden Gedanken, den du damit nicht bannen könntest; er bleibt zurück und kann nicht mehr zu dir empor; du reckst dich über ihn, so wie die Krone eines Baumes über die dürren Äste hinauswächst. —
Die Schmerzen fallen von dir ab wie welkes Laub, wenn du einmal so weit bist, daß jenes Wachsein auch deinen Körper ergreift.
Die eiskalten Tauchbäder der Juden und Brahmanen, die Nachtwachen der Jünger Buddha’s und der christlichen Asketen, die Foltern der indischen Fakire, um nicht einzuschlafen, — sie alle sind nichts anderes als erstarrte äußerliche Riten, die wie Säulentrümmer dem Suchenden verraten: Hier hat in grauer Vorzeit ein geheimnisvoller Tempel des Erwachenwollens gestanden.
Lies die heiligen Schriften der Völker der Erde: durch alle zieht sich wie ein roter Faden die verborgene Lehre vom Wachsein; — es ist die Himmelsleiter Jakobs, der mit dem Engel des Herrn die ganze „Nacht“ gerungen hat, bis es „Tag“ wurde und er den Sieg gewann.
Von einer Sprosse immer hellern und hellern Wachseins zur andern mußt du steigen, wenn du den Tod überwinden willst, dessen Rüstzeug: Schlaf, Traum und Betäubung sind.
Schon die unterste Sprosse dieser Himmelsleiter heißt: Genie; wie erst sollen wir die höheren Stufen benennen! Sie bleiben der Menge unbekannt und werden für Legenden gehalten. — Auch die Geschichte von Troja galt jahrhundertelang als Sage, bis endlich einer den Mut fand — und grub selber nach.