Ein einzigesmal noch seitdem war ihm der zornige Schlangengott erschienen — im Schlaf und mit dem grausamen Befehl, Eva in das Haus eines Nebenbuhlers zu rufen. Als Tote, hier in der Kirche, durfte er sie erst wiedersehen.
In tiefem Gram ließ er seine Blicke durch den düstern Raum schweifen: Ein Gekreuzigter mit Dornenkrone und eisernen Nägeln durch die Hände und Füße? — eine Taube mit grünen Zweigen im Schnabel — ein alter Mann, in der Hand eine große goldene Kugel — ein Jüngling von Pfeilen durchbohrt? — Lauter fremde weiße Götter, deren geheime Namen er nicht kannte, um sie zu rufen. — — Und dennoch mußten sie zaubern und die Tote wieder lebendig machen können! — Von wem sonst hätte Mister Zitter Arpád die Macht bekommen, sich Dolche durch die Gurgel zu stoßen, Hühnereier zu verschlucken und wieder erscheinen zu lassen?!
Eine letzte Hoffnung durchzuckte ihn, als er die Madonna in der Nische erspähte; sie mußte eine Göttin sein, denn sie trug ein goldenes Diadem auf dem Kopf; sie war eine Schwarze, vielleicht verstand sie seine Sprache?
Er hockte sich vor dem Bilde nieder, hielt den Atem an, bis er den Jammerschrei der geopferten Feinde, die am Tor des Jenseits als Sklaven auf sein Kommen warten mußten, im Ohre hörte, — verschluckte röchelnd seine Zunge, um in das Reich hinüber zu gehen, in dem der Mensch mit den Unsichtbaren reden kann —: Nichts.
Tiefe, tiefe Finsternis statt des fahlen grünlichen Scheins, den er zu sehen gewohnt war; er konnte den Weg zu der fremden Göttin nicht finden.
Langsam und traurig ging er zu der Bahre zurück, kauerte sich am Fußende des Katafalks zusammen und stimmte den Grabgesang der Zulus an — eine wilde, grausige Liturgie: bald in barbarischen, stöhnenden Kehllauten, bald als Antwort darauf ein atemloses Gemurmel wie das Trappeln flüchtiger Antilopen — geller Habichtsschrei dazwischen — heiseres, verzweifeltes Aufbrüllen und weiche, melancholische Klagerufe, die wie in fernen Wäldern erstickten, schluchzend wieder aufwachten und ausklangen in das dumpfe, langgezogene Geheul eines Hundes, der seinen Herrn verloren hat. —
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Dann stand er auf, griff in seine Brust, holte eine kleine weiße Kette, aneinander gereiht aus den Halswirbeln erdrosselter Königsfrauen, hervor: das Zeichen seiner Würde als Oberhaupt der Zulus — ein heiliger Fetisch, der jedem, der ihn ins Grab mitnimmt, die Unsterblichkeit verleiht, — — und wand sie, als gräßlichen Rosenkranz, um die betend gefalteten Hände der Toten.
Es war sein Teuerstes gewesen, das er auf Erden besessen.
Was sollte ihm noch die Unsterblichkeit; er war heimatlos — hier wie drüben: Eva konnte nicht in den Himmel der schwarzen Menschen kommen und er nicht in das Paradies der Weißen!