Von Schauder und Ekel ergriffen irrte Hauberrisser durch alle möglichen winkligen Gassen, immer von neuem durch Volksmassen aus seiner Richtung vertrieben, bis er schließlich keinen Schritt mehr weiter tun konnte und sich, wie eingekeilt, vor das schädelartige Haus in der Jodenbreestraat gedrängt sah.
Der Vexiersalon war mit Rolläden verschlossen und die Tafel entfernt; dicht davor stand ein vergoldetes Holzgerüst und oben drauf, auf einem Thronsessel, mit einem Hermelinmantel bekleidet und ein brillantstrotzendes Diadem wie einen Heiligenschein um die Stirn, saß der „Professor“ Zitter Arpád, warf Kupfermünzen mit seinem Bildnis unter die ekstatisch verzückte Menge und hielt mit hallender Stimme eine infolge des ununterbrochenen Hosiannageschreies kaum verständliche Ansprache, in der sich beständig wie ein blutdürstiger Hetzruf die Worte wiederholten: „Werft die Huren ins Feuer und bringt mir ihr sündiges Gold!“
Mit größter Mühe gelang es Hauberrisser, sich nach und nach bis zu einer Häuserecke durchzuarbeiten.
Er wollte sich eben orientieren, da faßte ihn jemand am Arm und zog ihn in einen Tordurchlaß. Er erkannte Pfeill.
Sie waren beide mit ähnlichen Absichten in die Stadt gekommen, wie sie aus ihren gegenseitigen Zurufen über die Köpfe des Gedränges hinweg, das sie gleich darauf wieder auseinander gerissen hatte, entnahmen.
„Komm zu Swammerdam!“ schrie Pfeill.
An ein Stehenbleiben war nicht zu denken; selbst die kleinsten Höfe und Winkelgäßchen waren überflutet von Menschen, und wenn die beiden Freunde zuweilen ein paar Schritt weit eine Lücke in dem Gewimmel erblickten, die ihnen gestattete, nebeneinander zu gehen, mußten sie eiligst die Gelegenheit benützen, um vorwärts zu laufen, so daß sie sich nur mit hastigen Worten verständigen konnten.
„Ein grauenhaftes Scheusal — dieser Zitter!“ — erzählte Pfeill in Absätzen, bald vor, bald hinter, bald neben Hauberrisser, bald wieder durch Menschenmauern von ihm getrennt. „Die Polizei funktioniert nicht mehr und kann ihm das Handwerk nicht legen. — Und die Miliz schon lange nicht. — Er gibt sich für den Propheten Elias aus, und die Leute glauben ihm und beten ihn an. — — Neulich hat er im Zirkus Carré ein entsetzliches Blutbad angerichtet. — — Sie haben den Zirkus gestürmt — und fremde, vornehme Damen — Halbweltlerinnen natürlich — hineingeschleppt und die Tiger auf sie losgelassen. — — Er hat den Zäsarenwahnsinn. — — Wie Nero. — — — Zuerst hat er die Rukstinat geheiratet und dann die Ärmste, um zu ihrem Geld zu kommen, ver — — —“
„Vergiftet“ — verstand Hauberrisser undeutlich: eine Prozession dumpf singender, vermummter Gestalten, weiße, spitzige Kapuzen über den Gesichtern wie Fehmrichter und Fackeln in den Händen, hatte Pfeill von ihm abgedrängt und ihr murmelnder, eintöniger Choral: „o sanctissima, o pi — issima, dulcis virgo Maaa — riii — aaah“ hatte die letzten Worte zur Hälfte verschlungen.
Pfeill tauchte wieder auf; sein Gesicht war geschwärzt von Fackelrauch: — „Und dann hat er ihr Geld in den Pokerklubs verspielt. — — Dann war er monatelang spiritistisches Geistermedium. — — Hat einen Riesenzulauf gehabt. — — Ganz Amsterdam war bei ihm.“