„Was macht Sephardi?“ rief Hauberrisser hinüber.
„Ist seit drei Wochen in Brasilien! Ich soll dich vielmals von ihm grüßen. — — — Er war gänzlich verändert, schon ehe er abreiste. — — Ich weiß nicht allzuviel über ihn. — — Ich weiß nur: Der Mann mit dem grünen Gesicht ist ihm erschienen und hat ihm gesagt, er solle einen jüdischen Staat in Brasilien gründen, und: daß die Juden als einziges internationales Volk berufen seien, eine Sprache zu schaffen, die nach und nach allen Völkern der Erde als gemeinsames Verständigungsmittel dienen und sie dadurch einander näherbringen solle, — — — ein modernes Hebräisch, vermute ich — ich weiß nicht. — — Sephardi war seitdem wie über Nacht verwandelt. — — — Er hätte jetzt eine Mission, hat er gesagt. — — — Er scheint übrigens mit seinem zionistischen Staat drüben das Richtige getroffen zu haben. — — Fast alle Juden Hollands sind ihm nachgereist, und jetzt noch kommen zahllose aus allen möglichen Ländern, um nach dem Westen auszuwandern. — — Es ist das reinste Ameisengewimmel — —“
Eine Truppe gesangbuchplärrender Weiber trennte sie für eine Weile. — Hauberrisser hatte unwillkürlich, als Pfeill den Ausdruck „Ameisengewimmel“ gebraucht, an das sonderbare Phänomen denken müssen, das er draußen vor der Stadt gesehen hatte. — —
„In letzter Zeit war Sephardi viel mit einem gewissen Lazarus Eidotter, den ich inzwischen kennen gelernt habe, beisammen“; fuhr Pfeill fort — „es ist ein alter Jude, eine Art Prophet, — — er ist jetzt fast beständig in einem Zustand von Entrückung — — alles, was er prophezeit, stimmt übrigens jedesmal. — — Neulich wieder hat er vorausgesagt, es käme eine schreckliche Katastrophe über Europa, damit eine neue Zeit vorbereitet werde. — — — Er freut sich, sagt er, daß er dabei mit zu Grunde gehen darf, denn dann würde es ihm vergönnt sein, die vielen Toten, die hinübergehen, ins Reich der Fülle zu führen. — — Mit der Katastrophe hat er vielleicht nicht so unrecht. — — — Du siehst ja, wie es hier zugeht. — — — Amsterdam erwartet die Sintflut. — — — Die ganze Menschheit ist toll geworden. — — Die Eisenbahnen sind längst eingestellt, sonst wäre ich schon mal zu dir in deine Arche Noah hinaus gekommen. — Heute scheint der Gipfelpunkt des Aufruhrs zu sein. — — Ach, ich hätte dir ja so unendlich viel zu erzählen — — Gott, wenn nur nicht dieses ewige Gewühl um uns herum wäre, man kann ja kaum einen Satz zu Ende sprechen — — — mir ist inzwischen auch unglaublich viel passiert — — —“
„Und Swammerdam? Wie geht es ihm?“ überschrie Hauberrisser das Geheul einer Rotte auf den Knien rutschender Geißelbrüder.
„Er hat einen Boten zu mir geschickt,“ rief Pfeill zurück, „ich solle augenblicklich zu ihm kommen und dich vorher holen gehen und mitbringen. — — Gut, daß wir uns auf dem Wege getroffen haben. — — — Er zittert um uns, hat er mir sagen lassen; er glaubt, nur in seiner Nähe wären wir sicher. — — — Er behauptet, sein inneres Wort hätte ihm einmal drei Dinge prophezeit, darunter sei die Voraussage gewesen: er werde die Nikolaskirche überleben. — — — Daraus schließt er vermutlich, daß er gegen die bevorstehende Katastrophe gefeit sei, und will, daß wir bei ihm sind, um uns ebenfalls für die kommende neue Zeit zu erretten.“
Es waren die letzten Worte, die Hauberrisser verstand: ein plötzlich losbrechendes, ohrenbetäubendes Geschrei, von dem freien Platz ausgehend, dem sie zusteuerten, erschütterte die Luft und pflanzte sich, immer lauter und lauter anschwellend, in gellen Rufen: „Das neue Jerusalem ist am Himmel erschienen“ — „ein Wunder, ein Wunder!“ — „Gott sei uns gnädig“ — von Dachfenster zu Dachfenster über die Giebel hin fort bis in die entferntesten Winkel der Vorstädte.
Er konnte nur noch erkennen, daß Pfeill hastig den Mund bewegte, als brülle er ihm mit Aufgebot der ganzen Lungenkraft irgend etwas zu, dann fühlte er sich von dem wahnwitzig erregten Menschenstrom fast vom Boden gehoben, unwiderstehlich fortgerissen und in den Börseplatz hineingestoßen.
Die Menge stand dort so dicht zusammengequetscht, daß er, die Arme an den Leib gedrückt, kaum die Hände bewegen konnte. — Aller Augen waren starr emporgekehrt.
Hoch oben am Himmel kreisten noch immer kämpfend die seltsamen Dunstgebilde wie geflügelte Riesenfische, aber darunter hatten sich schneegekrönte Wolkenberge aufgetürmt und mitten darin in einem Tal lag, von schrägen Sonnenstrahlen beleuchtet, die Luftspiegelung einer fremden, südlichen Stadt mit weißen flachen Dächern und maurischen Bogentoren.