Endlich gab er es erschöpft auf und fragte Hauberrisser kleinlaut, ob dieser ihn nicht in irgendeinen vornehmen Spielklub einführen möchte; doch auch hierin schlugen seine Hoffnungen fehl: der Ingenieur entschuldigte sich damit, daß er selber in Amsterdam fremd sei.

Mißmutig schlürfte er seinen Sherry-Cobbler.

Hauberrisser betrachtete ihn sinnend. „Ob es nicht das Gescheiteste wäre“, überlegte er, „ich sagte ihm auf den Kopf zu, daß er ein Taschenspieler ist. Ich gäbe etwas darum, wenn er mir sein Leben erzählte. Bunt genug mag es gewesen sein. Eine Welt von Schmutz muß dieser Mensch schon durchwatet haben. Aber natürlich, er würde leugnen und schließlich grob werden.“ — Ein Gefühl von Gereiztheit stieg in ihm auf; „unerträglich ist das Dasein unter den Menschen und Dingen dieser Welt geworden; Berge von leeren Schalen überall, und stößt man einmal auf etwas, was so aussieht wie eine Nuß, die des Aufknackens wert wäre, — siehe da, es ist ein toter Kiesel.“

„Juden! Chassiden!“ brummte der Hochstapler verächtlich und deutete auf einen Trupp zerlumpter Gestalten, die eilig — die Männer mit wirren Bärten und schwarzen Kaftans voran, die Frauen, ihre Kinder in Bündel geschnürt auf dem Rücken, hinterdrein — lautlos, mit weit aufgerissenen, irrsinnig in die Ferne starrenden Augen die Straße vorbeizogen. „Auswanderer. Keinen Cent in der Tasche. Sie glauben, das Meer wird eine Gasse bilden, wenn sie kommen. Verrückt! Neulich in Zandvoort wäre eine ganze Menge beinahe ersoffen, wenn man sie nicht noch rechtzeitig herausgezogen hätte.“

„Meinen Sie das im Ernst, oder machen Sie bloß Spaß?“

„Nein, nein, mein voller Ernst. Haben Sie denn nicht davon gelesen? Der Religionswahnsinn bricht jetzt überall aus, wohin man schaut. Vorläufig sind’s ja meist nur die Armen, die davon befallen werden, aber“ — Zitter’s ärgerliche Miene hellte sich auf bei dem Gedanken, daß vielleicht bald eine Zeit kommen könne, wo sein Weizen blühen würde — „aber es wird nicht lange dauern, dann packt’s die Reichen auch. Ich kenne das.“ — Froh, wieder ein Gesprächsthema gefunden zu haben, denn Hauberrisser hatte gespannt aufgehorcht, wurde er sofort wieder geschwätzig. „Nicht nur in Rußland, wo von jeher die Rasputins und Johann Sergiews und andere Heilige aus dem Boden wuchsen, — in der ganzen Welt breitet sich der Wahnsinn aus, daß der Messias kommt. Sogar unter den Zulus in Afrika gärt’s schon; da läuft zum Beispiel dort ein Nigger herum, nennt sich „der schwarze Elias“ und tut Wunder. Ich weiß das ganz genau von Eugène Louis“ — er verbesserte sich rasch — „von einem Freund, der kürzlich dort auf Leopardenjagd war. Einen berühmten Zuluhäuptling kenne ich übrigens selber von Moskau her“ — sein Gesicht wurde plötzlich unruhig — „und, wenn ich’s nicht mit eignen Augen gesehen hätte, würde ich’s nie geglaubt haben: der Kerl, in allen andern Tricks ein Mordsesel, kann wahrhaftig, so wahr, wie ich hier sitze, zaubern. Ja ja: zaubern! Lachen Sie nicht, lieber Hauberrisser; ich hab’s selber gesehen und mir macht kein Artist was vor“, — er vergaß einen Moment ganz, daß er die Rolle eines Grafen Ciechoñski zu spielen hatte, — „das Zeug kann ich selber aus dem ff. Wie er’s macht, weiß der Teufel. Er sagt, er habe einen Fetisch und wenn er den anruft, wird er feuerfest. Tatsache ist: er macht große Steine rotglühend — Herr, ich hab’ sie selbst untersucht! — und schreitet langsam drüber weg, ohne sich die Füße zu verbrennen.“ In der Erregung fing er an, an seinen Fingernägeln zu beißen, und brummte in sich hinein: „Aber wart’ nur, Bursche, ich komme dir schon dahinter.“ — Erschreckt, daß er sich möglicherweise zu viel habe gehen lassen, nahm er schnell wieder die polnische Grafenmaske vor und leerte sein Glas, „Prost, ljieber Hauberrisser, prost, prost. Vielleicht sehen Sie ihn einmal selber, den Sulu; ich chöre, er ist in Cholland und tritt in einem Zirkus auf. Aber wollen wir jetzt nicht nebenan im Amstelroom einen Imbiß —“

Hauberrisser stand rasch auf, der „Graf“ interessierte ihn an Herrn Zitter Arpád ganz und gar nicht. „Bedaure lebhaft, aber ich bin für heute vergeben. Vielleicht ein anderes mal. Adieu. Sehr gefreut.“

Verblüfft durch den kurzen Abschied sah ihm der Hochstapler mit offnem Munde nach.

Drittes Kapitel

Von einer wilden innern Aufregung ergriffen, über deren Ursache er sich keinerlei Rechenschaft zu geben vermochte, eilte Hauberrisser durch die Straßen.