Ganz allmählich, als flüstere es ihm eine Stimme in zögernden Sätzen silbenweise ins Ohr, wurde ihm nach und nach klar und verständlich, daß dieses Grauen nichts anderes war als wiederum dieselbe dumpfe, drosselnde Furcht vor etwas Unbestimmtem, die er schon so lange kannte — ein plötzliches Gewahrwerden unaufhaltsamen Hinabsausens der Menschheit in die Verderbnis.
Daß heute einem Publikum als selbstverständliches Schauspiel erscheinen konnte, was gestern noch als Gipfel der Unmöglichkeit gegolten hätte, war das Atembeklemmende dabei, — dieses: „in rasenden Galopp verfallen“ und „wie vor einem am Wege auftauchenden Gespenst scheu gewordene Ausbrechen“ der sonst so geduldig schreitenden Zeit in die Dunkelheit geistiger Nacht hinein.
Hauberrisser fühlte, daß er wieder einen Schritt weiter hinabgeglitten war in jenes unheimliche Reich, in dem die Dinge der Welt um so schneller sich in wesenlosen Schein schemenhafter Unwirklichkeit auflösen, je krasser sie sind.
Er betrat eins der beiden schmalen Seitengäßchen, die links und rechts das Tingeltangel umgaben, und schritt gleich darauf an einem Laubengang aus Glas vorüber, der ihm merkwürdig bekannt vorkam.
Als er um die Ecke bog, stand er vor dem mit Rollblech verschlossenen Laden Chidher Grün’s; das Lokal, das er soeben verlassen, war nur der rückwärtige Teil des sonderbaren, turmähnlichen Hauses in der Jodenbreestraat mit dem flachen Dach, das schon nachmittags seine Aufmerksamkeit erregt hatte.
Er blickte empor zu den beiden trüben Fenstern, — auch hier wieder der befremdende Eindruck von Unwirklichkeit: das ganze Gebäude glich täuschend in der Dunkelheit einem ungeheuern menschlichen Schädel, der mit den Zähnen des Oberkiefers auf dem Pflaster ruhte.
Unwillkürlich verglich er auf dem Wege zu seiner Wohnung das phantastische Durcheinander im Innern dieses Schädels aus Mauerwerk mit den vielerlei krausen Gedanken in dem Kopfe eines Menschen, und Mutmaßungen, als könnten hinter der finstern steinernen Stirne da oben Rätsel schlafen, von denen Amsterdam sich nichts träumen ließ, verdichteten sich in seiner Brust zu einem beklemmenden Vorgefühl gefährlicher, an der Schwelle des Geschickes lauernder Ereignisse.
War die Vision des Gesichtes aus grünem Erz im Laden des Vexiersalons wirklich nur ein Traum gewesen?, überlegte er.
Die regungslose Gestalt des alten Juden vor dem Pulte nahm plötzlich in seiner Erinnerung alle Merkmale einer schattenhaften Luftspiegelung an, — schien weit eher einem Traum entsprungen zu sein, als das erzene Gesicht.
Hatte der Mann tatsächlich mit den Füßen auf dem Boden gestanden? Je schärfer er sich das Bild zu vergegenwärtigen suchte, um so mehr zweifelte er, daß es der Fall gewesen war.