Er wußte mit einemmal haargenau, daß er die Schubladen des Pultes durch den Kaftan hindurch deutlich gesehen hatte.

Ein jähes Mißtrauen gegenüber seinen Sinnen und der anscheinend so fest begründeten Stofflichkeit der Außenwelt flammte, tief aus der Seele hervorbrechend wie ein blitzartiges Licht, einen Augenblick in ihm auf, und gleichsam als Schlüssel zu den Geheimnissen derartiger unerklärlicher Vorgänge, fiel ihm ein, was er schon als Kind gelernt: daß das Licht gewisser, unfaßbar weit entfernter Sterne in der Milchstraße am Himmel siebzigtausend Jahre braucht, um zur Erde zu gelangen, und man daher (gäbe es so scharfe Fernrohre, um jene Weltenkörper dicht vor’s Auge zu rücken) dort oben nur Begebenheiten schauen könnte, so wirklich und wahrhaftig, als vollzögen sie sich soeben, die seit siebzigtausend Jahren bereits in das Reich der Vergangenheit versunken sind. Es mußte also — ein Gedanke von erschütternder Furchtbarkeit! — in der unendlichen Ausdehnung des Weltenraumes jedes Geschehen, das einmal geboren worden, ewig als Bild, aufbewahrt im Licht, bestehen bleiben. „So gibt es also — wenn auch außerhalb des Bereiches menschlicher Macht — eine Möglichkeit,“ schloß er, „Vergangenes zurückzubringen?“

Als hinge die Erscheinung des alten Juden vor dem Pulte mit diesem Gesetze einer gespenstischen Wiederkunft irgendwie zusammen, gewann sie plötzlich für ihn ein schreckhaftes Leben.

Er fühlte das Phantom gleichsam in Armesnähe neben sich hergehen, unsichtbar für die äußern Augen und doch weit gegenwärtiger als jener leuchtende, ferne Stern dort oben in der Milchstraße, den alle Menschen sehen konnten Nacht für Nacht, und der trotzdem schon seit siebzigtausend Jahren am Himmel erloschen sein konnte — —

Vor seiner Wohnung, einem engen, zweifenstrigen, altertümlichen Hause mit einem Vorgärtchen, blieb er stehen und sperrte das schwere eichene Tor auf.

So deutlich war seine Empfindung geworden als ginge jemand neben ihm, daß er sich unwillkürlich umblickte, bevor er eintrat.

Er klomm die kaum brustbreite Treppe empor, die, wie fast in allen holländischen Häusern, steil wie eine Feuerleiter in einer ununterbrochenen Flucht von ebener Erde bis hinauf unter das Dach lief, und ging in sein Schlafzimmer.

Ein Raum, schmal und langgezogen, die Decke getäfelt, nur ein Tisch und vier Stühle in der Mitte; alles andere: Schränke, Kommoden, Waschtisch, sogar das Bett, eingebaut in die mit gelber Seide bespannten Wände.

Er nahm ein Bad und legte sich schlafen.

Beim Auslöschen des Lichtes fiel sein Blick auf den Tisch, und er sah dort einen würfelförmigen grünen Karton stehen.