„Der gnädige Herr erwartet Sie bereits, Mynheer. Wenn ich bitten darf?“ — Der Alte ging die schmale, mit indischen Teppichen belegte und an den Wandseiten mit chinesischen Stickereien verkleidete Treppe voraus, die so steil war, daß er sich an dem gewundenen Messinggeländer halten mußte, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Ein stumpfer, betäubender Geruch nach Sandelholz erfüllte das ganze Haus.
„Erwartet mich? Wieso?“ fragte Baron Pfeill erstaunt, da er seit Jahren Doktor Sephardi nicht mehr gesehen hatte und ihm vor knapp einer halben Stunde erst der Einfall gekommen war, Sephardi aufzusuchen, um eine Erinnerung an das Bild des „Ewigen Juden“ mit dem olivgrünen Gesicht in gewissen Einzelheiten festzustellen, die in seinem Gedächtnis einander seltsam widersprachen und merkwürdigerweise nicht übereinstimmen wollten mit dem, was er Hauberrisser im Café erzählt hatte.
„Der gnädige Herr hat Ihnen heute vormittag nach dem Haag telegraphiert und Sie um Ihren Besuch gebeten, Mynheer.“
„Nach dem Haag? Ich wohne doch schon lange wieder in Hilversum. Es ist lediglich ein Zufall, daß ich heute hergekommen bin.“
„Ich werde den gnädigen Herrn sofort verständigen, daß Sie hier sind, Mynheer.“
Baron Pfeill setzte sich und wartete.
Bis ins kleinste stand alles genau auf demselben Platze wie damals, als er zum letztenmal hier gewesen: auf den Sitzen der schweren geschnitzten Stühle schillernde Samarkandseidenüberwürfe, die beiden überdachten südniederländischen Sessel neben dem prachtvollen, säulengeschmückten Kamin mit den goldeingelegten moosgrünen Nephritkacheln, in buntleuchtenden Farben Ispahanteppiche auf den schwarzweißen Steinquadern des Fußbodens, die blaßrosa Porzellanstatuen japanischer Prinzessinnen in den Nischen der Täfelung, ein Wangentisch mit schwarzer Marmorplatte, an den Wänden Rembrandtsche und andere Meister-Porträts von den Vorfahren Ismael Sephardis: eingewanderte, vornehme portugiesische Juden, die das Haus im siebzehnten Jahrhundert von dem berühmten Hendrik de Keyser bauen ließen, darin gelebt hatten und gestorben waren.
Pfeill verglich die Ähnlichkeit dieser Menschen einer vergangenen Epoche im Geiste mit den Zügen Doktor Ismael Sephardis.
Es waren dieselben schmalen Schädel, dieselben großen, dunkeln, mandelförmigen Augen, die gleichen dünnen Lippen und leicht gebogenen scharfen Nasen, derselbe weltfremde, fast hochmütig verächtlich blickende Typus der Spaniolen mit den unnatürlich schmalen Füßen und weißen Händen, der mit den gewöhnlichen Juden der Rasse Gomers, den sogenannten Aschkenasi, kaum mehr gemein hat als die Religion.