Nirgends auch nur eine Spur der Anpassung an eine anders gewordene Zeit in diesem, sich durch die Jahrhunderte ewig gleich bleibenden Gesichtsschnitte.
Eine Minute später wurde Baron Pfeill von dem eintretenden Doktor Sephardi begrüßt und einer jungen, blonden, auffallend schönen Dame von etwa sechsundzwanzig Jahren vorgestellt.
„Haben Sie mir wirklich telegraphiert, lieber Doktor?“ fragte Pfeill, „Jan, sagte mir —“
„Baron Pfeill hat so feinfühlige Nerven,“ erklärte Sephardi lächelnd der jungen Dame, „daß es genügt, einen Wunsch zu denken, und schon erfüllt er ihn. Er ist gekommen, ohne meine Depesche erhalten zu haben. — Fräulein van Druysen ist nämlich die Tochter eines verstorbenen Freundes meines Vaters,“ er wandte sich an Pfeill, „und von Antwerpen hergereist, um mich in einer Angelegenheit um Rat zu fragen, in der aber nur Sie Bescheid wissen. Es betrifft ein Bild, — oder besser gesagt, könnte damit zusammenhängen, — von dem Sie mir einmal erzählten, Sie hätten es in Leyden in der Oudheden-Sammlung gesehen, und es stelle den Ahasver dar.“
Pfeill sah erstaunt auf. „Haben Sie mir deshalb telegraphiert?“
„Ja. Wir waren gestern in Leyden, um das Bild zu besichtigen, erfuhren jedoch, daß niemals ein ähnliches Gemälde in der Sammlung existiert habe. Direktor Holwerda, den ich gut kenne, versicherte mir, es hingen überhaupt keine Bilder dort, da das Museum nur ägyptische Altertümer und — — —“
„Erlauben Sie, daß ich dem Herrn erzähle, warum mich die Sache so interessiert?“ mischte sich die junge Dame lebhaft in das Gespräch. „Ich möchte Sie nicht mit einer breiten Schilderung meiner Familienverhältnisse langweilen, Baron, ich will daher nur kurz sagen: in das Leben meines verstorbenen Vaters, den ich unendlich geliebt habe, spielte ein Mensch, oder — es klingt vielleicht sonderbar — eine ‚Erscheinung‘ hinein, die oft monatelang sein ganzes Denken erfüllte.
Ich war damals noch zu jung — vielleicht auch zu lebenslustig — um das Innenleben meines Vaters zu begreifen, (meine Mutter war schon lange tot) aber jetzt ist plötzlich alles von damals wieder in mir wach geworden, und eine beständige Unruhe quält mich, Dingen nachzugehen, die ich längst hätte verstehen lernen sollen.
Sie werden denken, ich sei überspannt, wenn ich Ihnen sage, ich möchte lieber heute als morgen aufhören zu leben. — Der blasierteste Genußmensch kann, glaube ich, dem Selbstmord nicht näher sein als ich;“ — sie war mit einemmal ganz verwirrt geworden und faßte sich erst, als sie sah, daß Pfeill ihr mit tiefem Ernst zuhörte und die Stimmung, in der sie sich befand, sehr rasch zu verstehen schien. — „Ja, und das mit dem Bild, oder der ‚Erscheinung‘: welche Bewandtnis es damit hatte? Ich weiß so gut wie nichts darüber. Ich weiß nur, mein Vater sagte oft, wenn ich — damals noch ein Kind — ihn über Religion oder über den lieben Gott fragte, daß eine Zeit nahe bevorstünde, wo der Menschheit die letzten Stützen fortgerissen würden und ein geistiger Sturmwind alles wegfegen würde, was jemals Hände aufgebaut hätten.
Nur jene seien gefeit gegen den Untergang, die — das waren genau seine Worte — die das erzgrüne Antlitz des Vorläufers, des Urmenschen, der den Tod nicht schmecken wird, in sich schauen können.