Als ich dann jedesmal neugierig in ihn drang und wissen wollte, wie dieser Vorläufer aussehe, ob er ein lebender Mensch sei oder ein Gespenst oder der liebe Gott selbst, und woran ich ihn erkennen könne, wenn ich ihm auf dem Wege zur Schule gelegentlich begegnen sollte, sagte er immer: Sei ruhig, mein Kind, und grüble nicht. Er ist kein Gespenst, und wenn er auch einmal zu dir kommen wird wie ein Gespenst, so fürchte dich nicht, er ist der einzige Mensch auf Erden, der kein Gespenst ist. Auf der Stirne trägt er eine schwarze Binde, darunter ist das Zeichen des ewigen Lebens verborgen, denn wer das Zeichen des Lebens offen trägt und nicht tief innen verborgen, der ist gebrandmarkt wie Kain. Und schritte er auch im Glanz einher wie ein wandelndes Licht: er wäre ein Gespenst und ein Raub der Gespenster. Ob er Gott ist, das kann ich dir nicht sagen; du würdest’s nicht begreifen. Begegnen kannst du ihm überall, am wahrscheinlichsten dann, wenn du es am wenigsten erwartest. Nur reif mußt du dazu sein. Auch Sankt Hubertus hat den fahlen Hirsch mitten im Getümmel der Jagd erblickt, und als er ihn mit der Armbrust töten wollte. —“

„Als dann viele Jahre später“ — fuhr Fräulein van Druysen nach einer Pause fort — „der grauenhafte Krieg kam und das Christentum sich so unsagbar blamierte —“

„Verzeihen Sie: die Christenheit! Das ist das Gegenteil,“ unterbrach Baron Pfeill lächelnd.

„Ja, natürlich. Das meine ich: die Christenheit; — da dachte ich, mein Vater hätte prophetisch die Zukunft geschaut und auf das große Blutbad angespielt —“

„Sicher hat er den Krieg nicht gemeint,“ fiel Sephardi ruhig ein, „äußere Geschehnisse wie ein Krieg, und mögen sie noch so entsetzlich sein, verhallen wie harmloser Donner an den Ohren aller derer, die den Blitz nicht gesehen haben, und vor deren Füßen es nicht eingeschlagen hat; sie fühlen bloß das ‚Gott sei Dank, mich hat’s nicht getroffen‘.

Der Krieg hat die Menschen in zwei Teile gerissen, die einander nie mehr verstehen können, — die einen haben in die Hölle geblickt und tragen das Schreckbild stumm in der Brust ihr Lebtag lang, bei den andern ist es kaum mehr als Druckerschwärze. Zu diesen gehöre auch ich.

Ich habe mich genau geprüft und mit Entsetzen an mir erkannt und sage es ohne Scheu offen heraus: das Leid der Abermillionen ist spurlos an mir abgeglitten. Warum lügen?! Wenn andere von sich das Gegenteil sagen und sie sprechen die Wahrheit, will ich gern und demütig vor ihnen den Hut ziehen; aber ich kann ihnen nicht glauben; es ist mir unmöglich zu denken, daß ich so viel tausendmal verworfener bin als sie. — Aber entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein, ich habe Sie unterbrochen.“

„Er ist ein Mensch mit einer aufrechten Seele, der sich der Blöße seines Herzens nicht schämt,“ dachte Baron Pfeill und warf einen Blick voll Freude in das dunkelhäutige stolze Gelehrtengesicht Sephardis.

„Da glaubte ich, mein Vater hätte auf den Krieg angespielt,“ nahm die junge Dame ihre Erzählung wieder auf, „aber allmählich fühlte ich, was heute jeder spürt, der nicht von Stein ist, — daß eine würgende Schwüle aus dem Erdboden steigt, die mit dem Tod nicht verwandt ist, und diese Schwüle, dieses Nicht-leben-und-nicht-sterben-Können, wird mein Vater, denke ich, mit den Worten gemeint haben: Die letzten Stützen werden der Menschheit fortgerissen.

Als ich nun Doktor Sephardi von dem erzgrünen Gesicht des Urmenschen, wie ihn mein Vater nannte, erzählte, und ihn, da er doch in solchen Gebieten ein großer Forscher ist, bat, mir zu sagen, was ich von all dem halten solle, und ob nicht vielleicht mehr dahinter stecken könne als eine Wahnvorstellung meines Vaters, erinnerte er sich, von Ihnen, Baron, gehört zu haben, Sie kennten ein Porträt — — —“