„das leider nicht existiert,“ ergänzte Pfeill. „Ich habe Doktor Sephardi von diesem Bild erzählt, alles das stimmt; auch daß ich — allerdings seit ungefähr einer Stunde nicht mehr — fest überzeugt war, das Bild vor Jahren, — wie ich annahm, in Leyden, — gesehen zu haben, stimmt.

Jetzt stimmt für mich nur noch das eine: ich habe es sicher niemals im Leben gesehen. Weder in Leyden, noch irgendwo anders.

Heute Nachmittag sprach ich noch mit einem Freund über das Bild, sah es in der Erinnerung in einem Rahmen an einer Wand hängen; dann, als ich zum Bahnhof ging, um nach Hause zu fahren, erkannte ich plötzlich, daß dieser Rahmen nur scheinbar, so wie hinzuphantasiert, das Bildnis des olivgrünen Gesichtes in meinem Gedächtnis umgab, und ich ging sofort in die Heerengracht zu Doktor Sephardi, um mich zu überzeugen, ob ich ihm damals vor Jahren wirklich von dem Porträt erzählte, oder auch das am Ende nur geträumt hätte.

Wie das Bild in meinen Kopf gekommen sein mag, ist mir ein unlösbares Rätsel. Es hat mich früher oft bis in den Schlaf verfolgt; ob ich auch geträumt habe, es hinge in Leyden in einer Privatsammlung, und die Erinnerung an diesen Traum dann für ein Begebnis der Wirklichkeit gehalten habe?

Noch verwickelter wird die Sache für mich dadurch, daß, während Sie, gnädiges Fräulein, vorhin von Ihrem Vater erzählten, mir das Gesicht wieder mit geradezu betäubender Deutlichkeit erschien, — nur anders, lebendig, beweglich, mit bebenden Lippen, als wolle es sprechen, nicht mehr tot und starr wie ein Gemälde — —.“

Er brach plötzlich seine Rede ab und schien nach innen zu lauschen, so als ob das Bild ihm etwas zuflüstere.

Auch Sephardi und die junge Dame schwiegen betroffen.

Von der Heerengracht herauf ertönte klangvoll das Spiel einer der großen Orgeln, wie sie in Amsterdam auf ponybespannten Wagen abends zuweilen langsam durch die Straßen fahren.

„Ich kann nur annehmen,“ begann Sephardi nach einer Weile, „daß es sich in diesem Falle bei Ihnen um einen sogenannten hypnoiden Zustand handelt, — daß Sie einmal im Tiefschlaf, also ohne bewußte Wahrnehmung, irgend etwas erlebt haben, das sich dann später unter der Maske eines Porträts in die Begebenheiten des Tages einschlich und mit diesen zu scheinbarer Wirklichkeit verwuchs. — Sie müssen nicht fürchten, daß so etwas krankhaft oder abnormal wäre,“ fügte er hinzu, als er sah, daß Pfeill eine abwehrende Handbewegung machte, „solche Dinge kommen weit häufiger vor, als man glaubt, und wenn man ihren wahren Ursprung aufdecken könnte: — ich bin überzeugt, wie Schuppen würde es uns von den Augen fallen und wir wären mit einem Schlage eines zweiten fortlaufenden Lebens teilhaftig, das wir in unserem jetzigen Zustand im Tiefschlaf führen, ohne es zu wissen, weil es jenseits unseres körperlichen Daseins liegt und während unseres Zurückwanderns über die Brücke des Traumes, die Tag und Nacht verbindet, vergessen wird. — Was die Ekstatiker der christlichen Mystik von der ‚Wiedergeburt‘ schreiben, ohne die es unmöglich sei, ‚das Reich Gottes zu schauen‘, scheint mir nichts anderes zu sein, als ein Aufwachen des bis dahin wie tot gewesenen Ichs in einem Reich, das unabhängig von den äußeren Sinnen existiert, — im ‚Paradies‘, kurz und gut.“ — Er holte ein Buch aus einem Spind und deutete auf ein Bild darin. „Der Sinn des Märchens vom Dornröschen hat sicherlich darauf Bezug, und ich wüßte nicht, was diese alte, alchemistische illustrierte Darstellung der ‚Wiedergeburt‘ hier: ein nackter Mensch, der aus einem Sarge aufsteht und daneben ein Totenschädel mit einer brennenden Kerze auf dem Scheitel, anders bedeuten sollte? — Übrigens, da wir gerade von christlichen Ekstatikern sprechen: Fräulein van Druysen und ich gehen heute Abend zu einer solchen Versammlung, die am Zee Dyk stattfindet. Kurioserweise spukt auch dort das olivgrüne Gesicht.“

„Am Zee Dyk?“ jubelte Pfeill, „das ist doch das Verbrecherviertel! Was hat man Ihnen denn da wieder aufgebunden?“