Er war so ergriffen, daß er lange kein Wort sprechen konnte, nur zwei dicke Tränen liefen an seinen Wangen herunter; endlich sagte er leise zu uns: heute Nacht im Traum ist mir der Geist meiner Frau erschienen mit leuchtendem Angesicht wie eine Heilige, und sie hat mich getröstet und mir verheißen, daß ich den Käfer finden werde. —

Wir zwei Lausbuben schlichen uns stumm weg wie Verbrecher und konnten einander an diesem Tag vor Scham nicht mehr ins Gesicht sehen.

Mein Schulkamerad sagte mir später, er habe sich noch lange vor seiner eigenen Hand entsetzt, die in demselben Momente, als er mit dem alten Mann einen grausamen Scherz habe machen wollen, vielleicht das Werkzeug einer Heiligen gewesen sei.“

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Als es dunkel geworden war, begleitete Doktor Sephardi Fräulein van Druysen zum Zee Dyk, einer krummen, stockfinsteren Gasse, die sich im unheimlichsten Viertel Amsterdams am Zusammenfluß zweier Grachten in unmittelbarer Nähe der düstern Nicolas Kerk hinzog.

Über den Häusergiebeln der benachbarten Warmoesstraat, in der die sommerliche Kirmes bereits in vollem Gange war, stieg der rötliche Schein der beleuchteten Schaubuden und Zelte zum Himmel empor und verdichtete die Luft, vermischt mit dem weißen Dunst der Stadt und dem grellen Glitzern des Vollmonds auf den Dächern, zu einem phantastisch schillernden Nebelhauch, in dem die Schlagschatten der Kirchtürme als lange spitzige Dreiecke aus schwarzem Schleier schwebten.

Wie das Pochen eines großen Herzens tönte das Schlapfen der Motore herüber, die die zahlreichen Karussels drehten.

Das atemlose Geklingel der Leierkasten, das Wirbeln der Trommeln und die schrillen Stimmen der Ausrufer, unterbrochen von dem Peitschenknallen aus den Schießbuden, vibrierten durch die dunkeln Straßen und ließen ein von Fackelglanz beschienenes Bild ahnen, in dem eine wogende Volksmenge Bretterstände voll Pfefferkuchen, farbigem Zuckerwerk und zottig bebarteten Menschenfressergesichtern aus geschnitzten Kokosnüssen, umdrängte; im Kreise umhersausende, buntbemalte Ringelspielpferde, auf- und niederjagende Schaukeln, nickende Mohrenköpfe mit weißen Gipspfeifen als Zielscheiben, ungehobelte Tische mit reihenweise eingesteckten Taschenmessern, um mit Ringen darnach zu werfen, fettglänzende Seehunde in hölzernen Bassins voll schmutzigen Wassers, Zelte mit wehenden Wimpeln und wackelnden Spiegelfacetten, kreischende Kakadus in silbernen Reifen, Fratzen schneidende Affen und im Hintergrund, Schulter an Schulter: Reihen schmaler Häuser wie eine Schar stumm zuschauender schwärzlicher Riesen mit weißen, viereckig vergitterten Augen. — —

Die Wohnung Jan Swammerdams lag im vierten Stock abseits von dem Getriebe des lärmenden Volksfestes in einem schief nach vorne gesunkenen Gebäude, in dessen Keller sich die berüchtigte Matrosenschenke „Prins van Oranje“ befand.

Ein mürber Staubgeruch nach Kräutern und getrockneten Pflanzen, dem kleinen Drogenmagazin neben dem Eingang entströmend, erfüllte das Innere des Hauses bis hinauf zum Dach, und ein Ladenschild mit der Lockschrift: „Hier verkoopt men sterke dranken“ verriet, daß außerdem noch ein gewisser Lazarus Eidotter tagsüber eine Schnapsbudike in den Gefilden des Zee Dyk betrieb.