Doktor Sephardi und Fräulein van Druysen kletterten die hühnersteigartige Treppe hinauf und wurden sogleich von einer alten Dame mit schneeweißen Locken und kreisrunden Kinderaugen, der Tante Fräulein van Druysens, voll Herzlichkeit mit den Worten empfangen: „Willkommen, Eva, und willkommen auch du, König Balthasar, im neuen Jerusalem!“ —
Eine Versammlung von sechs Leuten, die alle andächtig um einen Tisch herum gesessen hatten, erhoben sich verlegen, als die beiden eintraten, und wurden von Fräulein de Bourignon vorgestellt:
„Hier Jan Swammerdam und seine Schwester,“ — ein altes verhutzeltes Weiblein mit holländischer Haube und „Krulletjes“ an den Ohren knixte unaufhörlich, — „dann Herr Lazarus Eidotter, der zwar nicht zu unserm geistigen Kreis gehört, aber er ist ‚Simon der Kreuzträger‘,“ — („und im selben Hoose wohn’ jach ooch, mit Verloob,“ ergänzte stolz der Angeredete, ein greisenhafter, russischer Jude im Talar), — „ferner Fräulein Mary Faatz von der Heilsarmee — sie hat den Geistesnamen Magdalena — und unser lieber Bruder Hesekiel“ — sie wies auf einen jungen Menschen mit blatternarbigem, verschwommenem Gesicht, das aussah, als wäre es aus Brotteig geknetet, und wimperlosen, entzündeten Augen, „er ist Angestellter unten in dem Drogengeschäft und trägt den Geistesnamen Hesekiel, weil er, wenn die Zeit erfüllt ist, die Geschlechter richten wird.“
Doktor Sephardi warf einen ratlosen Blick auf Fräulein van Druysen.
Ihre Tante, die es bemerkte, erklärte: „Wir tragen alle Geistesnamen; zum Beispiel Jan Swammerdam ist der König Salomo, seine Schwester heißt Sulamith und ich bin ‚Gabriele‘, das ist die weibliche Form des Erzengels Gabriel, aber gewöhnlich nennt man mich die Hüterin der Schwelle, denn mir liegt es ob, die zerstreuten Seelen im Weltall zu sammeln und ins Paradies zurückzuführen. Doch das werden Sie später alles besser verstehen, Herr Doktor, denn Sie gehören zwar zu uns, aber ohne es zu wissen; Ihr Geistesname ist König Balthasar! Haben Sie noch nie Kreuzigungsschmerzen gehabt?“
Sephardi wurde immer verwirrter.
„Schwester Gabriele geht, fürchte ich, ein wenig zu stürmisch vor,“ nahm Jan Swammerdam lächelnd das Wort. „Vor vielen Jahren ist nämlich hier im Hause ein wahrer Prophet des Herrn erstanden, ein schlichter Schuhmacher namens Anselm Klinkherbogk. Sie werden ihn heute noch kennen lernen. Er wohnt über uns.
Wir sind keineswegs Spiritisten, wie Sie vielleicht annehmen, Mynheer; fast, möchte ich sagen, das Gegenteil, denn wir haben nichts zu tun mit dem Reiche der Toten. Unser Ziel ist das ewige Leben. — Jedem Namen nun liegt eine geheime Kraft inne, und wenn wir diesen Namen mit geschlossenen Lippen in unser Herz hineinsprechen, unablässig, bis er für Tag und Nacht beständig unser Wesen erfüllt, so ziehen wir die geistige Kraft in unser Blut hinein, das, in den Adern kreisend, mit der Zeit unsern Körper verändert.
Diese allmähliche Wandlung unseres Leibes, — denn nur er allein muß verändert werden, der Geist an sich ist bereits vollkommen seit Anbeginn, — gibt sich in allerlei Gefühlen kund, die die Vorboten des Zustandes sind, der ‚geistige Wiedergeburt‘ heißt.
Ein solches Gefühl ist zum Beispiel die Empfindung eines gewissen bohrenden, nagenden Schmerzes, der zeitweilig kommt und geht, ohne daß wir erkennen können warum, anfangs nur im Fleische wühlt, dann aber die Knochen ergreift und uns ganz durchdringt, bis, als Zeichen der ‚ersten Taufe‘, das ist die ‚Taufe mit Wasser‘, die Kreuzigung des untern Grades erreicht ist, das heißt: Wundmale an den Händen auf unbegreifliche Weise sich öffnen und Wasser daraus hervortritt,“ — er und die übrigen, mit Ausnahme Lazarus Eidotters, hoben die Hände in die Höhe, und man sah tiefe, runde Narben darin wie von Nägelwunden.