Eva van Druysen fühlte instinktiv, daß sie bei dem Wort „Kopfwesen“ an das „olivgrüne Gesicht“ gedacht hatten, und blickte fragend zu Doktor Sephardi hinüber, der ihr unmerklich zunickte.
„Auf welche Weise ist Ihrem Freunde Klinkherbogk die Gabe der Prophetie zuteil geworden und wie äußert sie sich?“ brach er endlich das Stillschweigen, da niemand Miene machte zu reden.
Jan Swammerdam fuhr wie aus dem Traum auf: „Klinkherbogk? Ja;“ — er sammelte sich: — „Klinkherbogk hat sein Leben lang Gott gesucht, bis es sein ganzes Denken verzehrte und er vor beständiger Sehnsucht viele Jahre nicht mehr schlafen konnte. Eines Nachts saß er wie gewöhnlich vor seiner Schusterkugel, — Sie wissen, derartige Kugeln aus Glas verwenden die Schuhmacher und stellen sie vor brennende Kerzen, um bei der Arbeit besser sehen zu können, — da wuchs aus dem Lichtfunken in ihrem Innern eine Gestalt, trat zu ihm, und es wiederholte sich, was in der Apokalypse steht: der Engel gab ihm ein Buch zu verschlingen und sagte: „Nimm hin und verschling’s und es wird dich im Bauch grimmen, aber in deinem Munde wird’s süß sein wie Honig.“ Das Gesicht der Erscheinung war verhüllt, nur ihre Stirne war frei, und ein grünleuchtendes Kreuz glühte darauf.“
Eva van Druysen fielen die Worte ihres Vaters über die Gespenster ein, die das Zeichen des Lebens offen trügen, und einen Augenblick faßte es sie an wie kalte Furcht.
„Seit jener Zeit hatte Klinkherbogk das ‚innere Wort‘,“ kam Swammerdam wieder auf seine Rede zurück, — „und es sagte ihm und durch seinen Mund auch mir — denn ich war damals sein einziger Schüler — wie wir leben sollten, um von dem Holz des Lebens zu essen, das im Paradies Gottes ist. Es wurde uns die Verheißung: nur noch ein kleines Weilchen, und aller Jammer des irdischen Daseins würde von uns weichen und wir sollten wie Hiob tausendfältig wiedererhalten, was das Leben uns nähme.“
Doktor Sephardi wollte einwenden, wie gefährlich und trügerisch es sei, solchen Prophezeiungen aus dem Unterbewußtsein Glauben zu schenken, aber er erinnerte sich noch rechtzeitig an Baron Pfeills Erzählung von dem grünen Käfer. Überdies sah er ein, daß jede Warnung hier wohl zu spät käme.
Der alte Mann schien den Sinn seiner Gedanken halb und halb erraten zu haben, denn er fuhr fort: „Es sind jetzt schon fünfzig Jahre her, daß uns diese Verheißung gegeben wurde, aber man muß sich in Geduld fassen und, was auch kommen möge, an der Übung festhalten, die darin besteht, den Geistesnamen ohne Unterlaß in unser Herz hineinzumurmeln, bis die Wiedergeburt vollendet ist.“ — Er sagte die Worte ruhig und scheinbar voll Zuversicht, aber in seiner Stimme klang ein leises Zittern, wie die Vorahnung einer kommenden, grauenvollen Verzweiflung, das verriet, wie sehr er sich zusammennahm, um die andern nicht in ihrem Glauben zu erschüttern.
„Fünfzig Jahre schon machen Sie diese Übung!? Es ist furchtbar!“ fuhr es Doktor Sephardi unwillkürlich heraus.
„Ach, es ist ja so himmlisch schön, zu sehen, wie alles in Erfüllung geht,“ säuselte Fräulein de Bourignon verzückt, „und wie sie aus dem Weltenraum hier zusammenströmen, die hohen Geister, und sich um Abram scharen — das ist nämlich der Geistesname Anselm Klinkherbogks, denn er ist der Erzvater — und hier im ärmlichen Zee Dyk von Amsterdam den Grundstein legen zum neuen Jerusalem. Mary Faatz (sie war früher eine Prostituierte und jetzt ist sie die fromme Schwester Magdalena),“ flüsterte sie hinter der Hand ihrer Nichte zu, „ist gekommen und — und Lazarus ist vom Tode auferweckt worden — — aber, ja richtig, Eva, von dem Wunder habe ich dir in dem Brief, den ich dir kürzlich schrieb, um dich aufzufordern, zu uns in den Kreis zu kommen, doch noch gar nichts erwähnt. Denk nur: Lazarus ist durch Abram vom Tode auferweckt worden!“ — Jan Swammerdam stand auf, trat ans Fenster und blickte stumm hinaus in die Finsternis. — „Ja, ja, leibhaftig vom Tode auferweckt worden! Er ist wie tot in seinem Laden gelegen, und da kam Abram und hat ihn wieder lebendig gemacht.“
Aller Augen richteten sich auf Eidotter, der sich betreten abwandte und gestikulierend und achselzuckend Doktor Sephardi im Flüsterton erklärte, es sei allerdings etwas an der Sache, — „bewußtlos, freilich, bin ich gewest; vielleicht tot; warum soll ich nicht tot gewesen sein? Ich bitt’ Sie, ä alter Mann wie ich!“