„Und darum beschwöre ich dich, Eva,“ richtete Fräulein de Bourignon ihre Rede mit größter Eindringlichkeit an ihre Nichte, „tritt ein in unsern Bund, denn das Reich ist nahe herbeigekommen, und die letzten werden die ersten sein.“
Der Kommis aus dem Drogengeschäft, der bis dahin, ohne ein Wort gesprochen zu haben, neben Schwester Magdalena gesessen und ihre Hand in der seinen gehalten hatte, erhob sich plötzlich, schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie, die entzündeten Augen weit aufgerissen, mit lallender Zunge:
„Jo, jo, jo — — d—d—die Ersten w—w—werden die Leleletzten sein, und eher geht ein Ka—Ka— — —“
„Er kommt in den Geist. Der Logos spricht aus ihm,“ rief die Hüterin der Schwelle, „Eva, bewahre jedes Wort in deinem Herzen!“
„— — Ka—Kamel durch ein N—N—N—N—“
Jan Swammerdam eilte zu dem Besessenen, auf dessen Gesicht sich der Ausdruck viehischer Bosheit malte, und beruhigte ihn durch magnetische Striche über Stirn und Mund.
„Es ist nur der ‚Gegensatz‘, wie wir es nennen, Mejufrouw,“ redete Schwester Sulamith, die alte Holländerin, begütigend Fräulein von Druysen zu, die ängstlich zur Tür geflohen war. „Bruder Hesekiel leidet manchmal darunter, und dann gewinnt die niedere Natur die Oberhand über die höhere. Aber es geht schon vorüber;“ — der Kommis hatte sich auf alle Viere niedergelassen und bellte und knurrte wie ein Hund, während das Mädchen aus der Heilsarmee neben ihm kniete und ihm zärtlich die Haare streichelte — „denken Sie nicht schlecht von ihm; wir sind allzumal Sünder, und Bruder Hesekiel bringt sein Leben Tag aus, Tag ein da unten in dem dunkeln Magazin zu, da kommt es dann, wenn er einmal reiche Leute sieht — Sie verzeihen, daß ich es so offen sage, Mejufrouw — wie Erbitterung über ihn und umnachtet seinen Geist. Glauben Sie mir, Mejufrouw, Armut ist eine schwere Last; woher soll ein so junges Herz wie seines, immer so viel Gottvertrauen nehmen, um sie zu tragen!“
Eva van Druysen tat zum erstenmal in ihrem Leben einen Blick in die Abgründe des Daseins und, was sie früher in Büchern gelesen, stand jetzt in furchtbarer Wirklichkeit vor ihr.
Und doch war es nur ein kurzer Blitzschein gewesen, der kaum hinreichte, die Finsternis einiger Schluchten zu zerreißen.
„Wie viel und weit Schrecklicheres,“ sagte sie sich, „muß erst in der Tiefe schlummern, in die so selten das Auge eines vom Schicksal Begünstigten zu schauen vermag.“