Wie durch eine geistige Explosion von den Hüllen mühsam anerzogener menschlicher Umgangsformen losgerissen, hatte sich ihr eine Seele in häßlicher Nacktheit gezeigt, zum wilden Tier erniedrigt im selben Augenblick, als die Worte dessen fielen, der um der Liebe willen am Kreuz sein Leben ließ.

Das Bewußtsein einer riesengroßen Mitschuld, begangen durch weiter nichts, als durch bloße Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Gesellschaftsklasse und dem so selbstverständlich scheinenden Mangel an Interesse gegenüber dem Leid des Nächsten — eine Unterlassungssünde, winzig wie ein Sandkorn in der Ursache und verheerend wie eine Lawine in der Wirkung — erfüllte Eva mit tiefem Schrecken; so wie ein Mensch sich entsetzen mag, der in Gedankenlosigkeit mit einem Seile zu spielen glaubt und plötzlich gewahrt, daß er eine Giftschlange in Händen hält.

Als Sulamith von der Armut des Kommis erzählte, hatte Eva in der ersten Aufwallung nach der Börse gegriffen, — es war die gewisse Reflexbewegung, mit der das Herz den Verstand überrumpeln zu können wähnt, — dann schien ihr die Gelegenheit, zu helfen, schlecht gewählt, und der feste Vorsatz, das Versäumte später besser und gründlicher nachzuholen, trat an die Stelle der Tat.

Die altbewährte Kriegslist des Vaters der Lüge, Zeit zu gewinnen, bis die Regungen des Mitleids verflogen sind, war Sieger geblieben.

Hesekiel hatte sich inzwischen von seinem Anfall erholt und weinte still vor sich hin.

Sephardi, der wie die vornehmen portugiesischen Juden Hollands unverrückbar an der Gewohnheit seiner Vorfahren, nie ein fremdes Haus zu betreten, ohne ein kleines Geschenk mitzubringen, festhielt, benützte die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit von dem Kranken abzulenken: er wickelte ein silbernes Räucherfäßchen aus und überreichte es Swammerdam.

„Gold, Weihrauch und Myrrhen — die heiligen drei Könige aus dem Morgenland!“, flüsterte die „Hüterin der Schwelle“ mit vor Rührung erstickter Stimme, die Augen fromm zur Decke erhoben. „Als es gestern hieß, Sie kämen, Herr Doktor, Eva zu uns zu begleiten, gab Ihnen Abram den Geistesnamen Balthasar, und siehe: Sie sind gekommen und haben Weihrauch gebracht! König Melchior, — er heißt im Leben Baron Pfeill, ich weiß es von der kleinen Katje, — ist heute auch schon geistig erschienen“ — sie wandte sich geheimnisvoll zu den Übrigen, die erstaunt aufhorchten, — „und hat Geld geschickt. Oh, ich sehe es mit den Augen des Geistes: auch Kaspar, der König aus Mohrenland, ist nicht mehr ferne;“ — sie zwinkerte Mary Faatz, die ihren Blick verständnisvoll erwiderte, selig zu: — „ja, mit Riesenschritten geht die Zeit ihrem Ende —“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach sie, und die kleine Enkelin Katje des Schusters Klinkherbogk trat herein und meldete:

„Ihr sollt schnell alle hinauf kommen, der Großvater hat die zweite Geburt.“

Fünftes Kapitel