Zwei Dolche kreuzweis durch die Gurgel gestochen, so daß die Spitzen hinten herausragten, und ein blutbeflecktes Beil tief in einer klaffenden Schädelwunde stecken, verschluckte das Balkangesicht soeben ein Hühnerei und zog es dem Zulukaffern, der abgelegt hatte und sprachlos vor Staunen, nur mit einem Leopardenfell bekleidet, vor ihm stand, aus dem Ohr wieder heraus.

Gern hätte der Fremde noch mehr gesehen, aber die junge Dame ließ rasch die Portière fallen, da ihr der Herr Professor einen verweisenden Blick zuwarf und ein schrilles Klingeln sie überdies ans Telephon rief.

„Seltsam bunt wird das Leben, wenn man sich Mühe gibt, es in der Nähe zu betrachten, und den sogenannten wichtigen Dingen den Rücken kehrt, die einem nur Leid und Verdruß bringen,“ dachte der Fremde, nahm von einem Bord, auf dem allerhand billiges Spielzeug lag, eine kleine offene Schachtel herunter und roch zerstreut daran.

Sie war angefüllt mit winzigen, geschnitzten Kühen und Bäumchen, deren Laub aus grün gebeizter Holzwolle bestand.

Der eigentümliche Duft nach Harz und Farbe nahm ihn einen Augenblick ganz gefangen. — Weihnachten! Kinderjahre! Atemloses Warten vor Schlüssellöchern; ein wackliger Stuhl mit rotem Rips überzogen, — ein Ölfleck darin. Der Spitz — Durudeldutt, ja, ja, so hat er geheißen — knurrt unter dem Sofa und beißt der beweglichen Schildwache ein Bein ab, kommt dann, das linke Auge zugekniffen, schwerverstimmt hervorgekrochen: die Feder des Uhrwerkes ist losgegangen und ihm ins Gesicht gesprungen. — Die Tannennadeln knistern, und die brennenden roten Kerzen am Christbaum haben lange Tropfbärte. —

Nichts vermag die Vergangenheit so schnell wieder jung zu machen, wie der Lackgeruch von Nürnberger Spielzeug, — der Fremde schüttelte den Bann ab, „es wächst nichts Gutes aus der Erinnerung: erst läßt sich alles süß an, dann hat das Leben eines Tages plötzlich ein Oberlehrergesicht, um einen schließlich mit blutrünstiger Teufelsfratze — — — nein, nein, ich will nicht!“ — er wandte sich dem drehbaren Büchergestell zu, das neben ihm stand. „Lauter Bände in Goldschnitt?“ — Kopfschüttelnd buchstabierte er die wundersamen, ganz und gar nicht zur übrigen Umgebung passenden, gekerbten Rückentitel: „Leidinger, G., Geschichte des akademischen Gesangvereins Bonn,“ „Aken, Fr., Grundriß der Lehre vom Tempus und Modus im Griechischen,“ „Neunauge, K. W., Die Heilung der Hämorrhoiden im klassischen Altertum“? — „nun, Politik scheint, Gott sei Dank, nicht vertreten zu sein“ — und er nahm: „Aalke Pott, Über den Lebertran und seine steigende Beliebtheit, 3. Band“ vor und blätterte darin.

Der miserable Druck und das elende Papier standen in verblüffendem Gegensatz zu dem kostbaren Einband.

„Sollte ich mich geirrt haben? Handelt es sich vielleicht gar nicht um eine Hymne auf ranziges Öl?“ — der Fremde schlug die erste Seite auf und las erheitert:

„Sodom- und Gomorrhabibliothek“
Ein Sammelwerk für Hagestolze.
(Jubiläumsausgabe.)

Bekenntnisse eines lasterhaften
Schulmädchens.