„Es gibt weder Prüfungen noch Strafen. Das äußere Leben mit seinen Schicksalen ist nichts als ein Heilungsprozeß, für den einen mehr, für den andern weniger schmerzhaft, je nachdem der Betreffende krank ist an seiner Erkenntnis.“

„Und Sie glauben, wenn ich Gott rufe, wie Sie sagen, wird sich mein Schicksal verändern?“

„Sofort! Nur wird es sich nicht „verändern“, es wird werden wie ein galoppierendes Pferd, das bis dahin im Schritt gegangen ist.“

„Ist Ihr Schicksal denn so im Sturm abgelaufen? Sie verzeihen die Frage, aber nach dem, was ich über Sie gehört habe —“

„Ist es sehr eintönig dahingeflossen, meinen Sie, Mejufrouw,“ ergänzte Swammerdam lächelnd. „Erinnern Sie sich, was ich Ihnen vorhin gesagt habe?: ‚Blicken Sie nie auf andere.‘ — Der eine erlebt eine Welt, und dem andern erscheint’s eine Nußschale. Wenn Sie im Ernst wollen, daß Ihr Schicksal galoppiert, müssen Sie — ich warne Sie davor und rate es Ihnen zugleich, denn es ist das einzige, was der Mensch tun soll, und gleichzeitig das schwerste Opfer, das er bringen kann! — müssen Sie Ihren innersten Wesenskern, den Wesenskern, ohne den Sie eine Leiche wären, (und sogar nicht einmal das), anrufen und Ihm — befehlen, daß Er Sie den kürzesten Weg zu dem großen Ziel führt, — dem einzigen, das des Erstrebens wert ist, so wenig Sie es jetzt auch erkennen, — erbarmungslos, ohne Rast, durch Krankheit, Leiden, Tod und Schlaf hindurch, durch Ehren, Reichtum und Freude hindurch, immer hindurch und hindurch wie ein rasendes Pferd, das einen Wagen vorwärts reißt über Äcker und Steine hinweg und an Blumen und blühenden Hainen vorbei! Das nenne ich: Gott rufen. Es muß sein wie ein Gelöbnis vor einem lauschenden Ohr!“

„Aber, wenn dann das Schicksal kommt, Meister, und ich werde schwach und — will umkehren?“

„Umkehren kann nur der auf dem geistigen Weg, — nein, nicht einmal umkehren, nur stehen bleiben, sich umsehen und zur Salzsäule werden, — der kein Gelöbnis abgelegt hat! Ein Gelöbnis in geistigen Dingen ist wie ein Befehl, und Gott ist der — Diener des Menschen in diesem Falle, um ihn auszuführen. Entsetzen Sie sich nicht, Mejufrouw, es ist keine Lästerung! Im Gegenteil! — Darum (was ich Ihnen jetzt sage, ist eine Torheit, ich weiß, denn es geschieht nur aus Mitleid, und alles, was aus Mitleid geschieht, ist Torheit), warne ich Sie: geloben Sie nicht zu viel! Es könnte Ihnen sonst gehen wie dem Schächer, dem am Kreuze die Knochen gebrochen wurden!“

Swammerdams Gesicht war weiß geworden vor innerer Erregung.

Eva faßte seine Hand. „Ich danke Ihnen, Meister, ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.“

Der alte Mann zog sie an sich und küßte sie ergriffen auf die Stirn. „Der Herr des Schicksals sei Ihnen ein barmherziger Arzt, mein Kind!“