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Sie gingen die Stiege hinauf.
Wie unter einem jähen Gedanken blieb Eva eine Sekunde vor der Dachkammer stehen. „Sagen Sie mir noch eins, Meister! Die vielen Millionen Menschen, die geblutet und gelitten haben, sie haben doch kein Gelöbnis getan; wozu war all der unendliche Jammer gut?“
„Wissen Sie denn, daß sie kein Gelöbnis getan haben? Kann es nicht in einem früheren Leben geschehen sein,“ fragte Swammerdam ruhig, „oder im Tiefschlaf, wenn die Seele des Menschen wach ist und am besten weiß, was ihr frommt?“
Als risse ein Vorhang entzwei, sah Eva einen Augenblick in das blendende Licht einer neuen Erkenntnis hinein. Die letzten wenigen Worte hatten ihr mehr über die Bestimmung der Wesen enthüllt, als sämtliche Religionssysteme der Welt imstande gewesen wären. Jede Klage über vermeintliche Ungerechtigkeit des Schicksals mußte verstummen angesichts des Gedankens, daß keiner einen andern Weg ging, als den selbstgewählten.
„Wenn Sie keinen Sinn in dem zu finden vermögen, was in unserm Kreis vor sich geht, Mejufrouw, so lassen Sie sich dadurch nicht irre machen. Oft führt ein Weg abwärts und ist doch die kürzeste Brücke zum nächsten Anstieg. Das Fieber der geistigen Genesung sieht sich zuweilen an wie teuflische Fäulnis. Ich bin nicht der ‚König Salomo‘ und Lazarus Eidotter ist nicht ‚Simon der Kreuzträger‘, — wie Fräulein de Bourignon es zu äußerlich auffaßt, weil er Klinkherbogk einmal Geld in der Not geborgt hat, — aber an sich ist dieses Durcheinandermischen von Altem und Neuem Testament deshalb noch kein Unsinn. — Wir erblicken in der Bibel nicht nur die Aufzeichnung von Geschehnissen einer verflossenen Zeit, sondern einen Weg von Adam zu Christus, den wir an uns durchzumachen haben auf die magische Art eines inneren Wachstums von ‚Name‘ zu ‚Name‘, das ist: von Kraftentfaltung zu Kraftentfaltung,“ sagte Swammerdam und half Eva die letzten Treppenstufen hinauf, „von der Vertreibung aus dem Paradies zur Auferstehung. Es kann für so manchen ein Weg voll Schrecknissen werden und —“, er murmelte gepreßt wieder den Satz von dem Schächer, dem am Kreuz die Knochen gebrochen worden waren, vor sich hin.
Fräulein de Bourignon hatte mit den Übrigen vor der Dachstube auf das Kommen der beiden gewartet (nur Lazarus Eidotter war hinunter in seine Wohnung gegangen) und überschüttete ihre Nichte mit einem Schwall von Worten, ehe sie eintraten, um sie gebührend vorzubereiten:
„Denk nur, Eva, etwas unbeschreiblich Großes ist geschehen. Und gerade heute am Kalendertage des Sonnwendfestes — ach es ist ja so namenlos tiefsinnig — ja, was wollte ich nur sagen — ja richtig, das große Längstersehnte ist geschehen: in Vater Abram ist heute der Geistmensch als Kindlein geboren worden, und er hat es in sich schreien hören, als er gerade einen Absatz auf einen Stiefel festnagelte, was bekanntlich die ‚zweite Geburt‘ ist, denn die ‚erste‘, das ist das Bauchgrimmen, wie schon in der Schrift steht, wenn man sie nur richtig deutet, und dann werden die heiligen drei Könige vollzählig sein, denn Mary Faatz hat mir kürzlich erzählt, sie kenne, wenn auch nur ganz flüchtig, einen schwarzen Wilden, der in Amsterdam lebt, und vor einer Stunde hat sie ihn unten in der Schenke durchs Fenster sitzen sehen, und ich habe sofort eine Fügung der himmlischen Mächte darin erkannt, denn es kann natürlich nur der König Kaspar aus Mohrenland sein; ach, es ist ja eine unsagbare Gnade, daß gerade mir die Mission zuteil wurde, den dritten heiligen König ausfindig zu machen, und ich kann es in meiner Seligkeit gar nicht mehr erwarten, bis die Minute kommt und ich Mary hinunterschicken darf, um ihn heraufzuholen.“ Dabei öffnete sie die Tür und ließ alle der Reihe nach eintreten.
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Der Schuhmacher Klinkherbogk saß steif und regungslos am Kopfende eines langen, mit Sohlen und Werkzeugen bedeckten Tisches, die eine Seite seines abgezehrten Gesichtes vom Fenster her in grellem Mondlicht, daß die weißen Haare seines schüttern, holländischen Seemannsbartes wie metallene Fäden glänzten, die andere in tiefer Finsternis.