„Blatt, Blatt, Blatt“ — ging es plötzlich, sich rhythmisch wiederholend, in einen krächzenden Baß über. Entweder hatte der Teufel ein Einsehen oder war ein Haar ins Grammophongetriebe geraten.

Nicht länger gesonnen, neckischen Kobolden zum Opfer zu fallen, suchte der Chef der Meere mit empört gequäktem „aarch anstößich“ fluchtartig das Weite.

Obschon mit der Sittenreinheit nordischer Völkerstämme wohl vertraut, konnte sich der Fremde dennoch die übermäßige Verwirrung des alten Herrn nicht recht erklären, bis ihm langsam der Verdacht dämmerte, er müsse ihn irgendwo kennen gelernt haben, — ihm wahrscheinlich in einer Gesellschaft vorgestellt worden sein. Ein schnell vorübergehendes, damit verknüpftes Erinnerungsbild: eine ältere Dame mit feinen traurigen Zügen und ein schönes junges Mädchen, bestärkte ihn in seiner Annahme, nur konnte er sich des Ortes und der Namen nicht mehr entsinnen.

Auch das Gesicht des Holländers, der soeben aufstand, ihn mit kalten, wasserblauen Augen verächtlich von oben bis unten abschätzte und sich dann träge hinauswälzte, half seinem Gedächtnis nicht nach. Es war ein ihm völlig Unbekannter von brutalem, selbstbewußtem Aussehen.

Immer noch telephonierte die Verkäuferin.

Nach ihren Antworten zu schließen, handelte es sich um große Aufträge für einen Polterabend.

„Eigentlich könnte ich auch gehen,“ überlegte der Fremde; „worauf warte ich denn noch?“

Ein Gefühl der Abspannung überfiel ihn; er gähnte und ließ sich in einen Sessel fallen.

„Daß einem nicht der Kopf zerspringt, oder man sonstwie überschnappt,“ schälte sich ein Gedanke in seinem Hirn los, „bei all dem verrückten Zeug, das das Schicksal um einen herumstellt! Es ist ein Wunder! — Und warum man im Magen Übelkeit empfindet, wenn die Augen häßliche Dinge hineinschlingen?! Was hat denn, um Gottes willen, die Verdauung damit zu tun! — Nein, mit der Häßlichkeit hängt’s nicht zusammen“ grübelte er weiter, „auch bei längerem Verweilen in Gemäldegalerien packt einen unvermutet der Brechreiz. Es muß so etwas wie eine Museumskrankheit geben, von der die Ärzte noch nichts wissen. — Oder sollte es das Tote sein, das von allen Dingen, ob schön oder häßlich, ausgeht, die der Mensch gemacht hat? Ich wüßte nicht, daß mir schon einmal beim Anblick selbst der ödesten Gegend übel geworden wäre, — also wird es wohl so sein. — Ein Geschmack nach Konservenbüchsen haftet allem an, das den Namen „Gegenstand“ trägt; man kriegt den Skorbut davon.“ — Er mußte unwillkürlich lächeln, da ihm eine barocke Äußerung seines Freundes Baron Pfeill, der ihn für Nachmittag ins Café „De vergulde Turk“ bestellt hatte und alles, was mit perspektivischer Malerei zusammenhing, aus tiefster Seele haßte, einfiel: ‚der Sündenfall hat gar nicht mit dem Apfelessen begonnen; das ist wüster Aberglaube. Mit dem Bilderaufhängen in Wohnungen hat’s angefangen! Kaum hat einem der Maurer die vier Wände schön glatt gemacht, schon kommt der Teufel als „Künstler“ verkleidet und malt einem „Löcher mit Fernblick“ hinein. Von da bis zum äußersten Heulen und Zähneklappern ist dann nur noch ein Schritt und man hängt eines Tages in Orden und Frack neben Isidor dem Schönen oder sonst einem gekrönten Idioten mit Birnenschädel und Botokudenschnauze im Speisezimmer und schaut sich selber beim Essen zu.‘ — — „Ja, ja, man sollte wirklich bei allem und jedem ein Lachen bereit haben,“ fuhr der Fremde in seiner Gedankenreihe fort, „so ganz ohne Grund lächeln die Statuen Buddhas nicht und die der christlichen Heiligen sind tränenüberströmt. Wenn die Menschen häufiger lächeln würden, gäb’s vermutlich weniger Kriege. — Da laufe ich nun schon drei Wochen in Amsterdam herum, merke mir absichtlich keine Straßennamen; frage nicht, was ist das oder jenes für ein Gebäude, wohin fährt dieses oder jenes Schiff, oder woher kommt es, lese keine Zeitungen, um nur ja nicht als „Neuestes“ zu erfahren, was schon vor Jahrtausenden in blau genau so passiert ist; ich wohne in einem Hause, in dem jede Sache mir fremd ist, bin schon bald der einzige — Privatmann, den ich kenne; wenn mir ein Ding vor Augen kommt, spioniere ich längst nicht mehr, wozu es dient, — es dient überhaupt nicht, läßt sich nur bedienen! — und warum tue ich das alles? Weil ich es satt habe, den alten Kulturzopf mit zu flechten: erst Frieden, um Kriege vorzubereiten, dann Krieg, um den Frieden wieder zu gewinnen usf.; weil ich wie Kasper Hauser eine neue urfremde Erde vor mir sehen will, — ein neues Staunen kennen lernen will, wie es ein Säugling an sich erfahren müßte, der über Nacht zum erwachsenen Manne heranreift, — weil ich ein Schlußpunkt werden will und nicht ewig ein Komma bleiben. Ich verzichte auf das „geistige Erbe“ meiner Vorfahren zugunsten des Staates und will lieber lernen, alte Formen mit neuen Augen zu sehen, statt, wie bisher, neue Formen mit alten Augen; vielleicht gewinnen sie dann ewige Jugend! — Der Anfang, den ich gemacht habe, war gut; nur muß ich noch lernen, über alles zu lächeln und nicht bloß zu staunen.“

Nichts wirkt so einschläfernd wie geflüsterte Reden, deren Sinn dem Ohre unverständlich bleibt. Die in leisem Ton und großer Hast geführten Gespräche zwischen dem Balkangesicht und dem Zulukaffern hinter dem Vorhang betäubten den Fremden durch ihre hypnotisierend eintönige Unablässigkeit, so daß er einen Moment in tiefen Schlummer fiel.