Eine Gittertür vor einem Klosterhof stand offen. — Er ging hinein und sah eine Bank unter hängenden Weidenzweigen. Ringsum hohes, wucherndes Gras. Nirgends ein Mensch weit und breit, kein Gesicht hinter den Fenstern. Alles wie ausgestorben.
Um seine Gedanken zu sammeln, setzte er sich nieder.
Er fühlte keine Unruhe mehr, und die erste Aufregung, es könnte ein krankhafter Zustand gewesen sein, der ihn einen falschen Namen auf dem Ladenschild hatte lesen lassen, war längst verflogen.
Viel wunderbarer, als das merkwürdige äußere Begebnis, schien ihm mit einemmal die fremdartige Denkungsweise zu sein, in der er sich seit einiger Zeit bewegte.
„Woher kommt es nur,“ fragte er sich, „daß ich — verhältnismäßig doch noch ziemlich jung — dem Leben gegenüber stehe wie ein alter Mann? — So, wie ich, denkt man in meinen Jahren nicht.“ — Er bemühte sich vergebens, in seiner Erinnerung den Zeitpunkt aufzufinden, wo diese Wandlung mit ihm eingetreten sein mußte. — Wie wohl jeder junge Mensch, war er bis über die Dreißig hinaus ein Sklave seiner Leidenschaften gewesen und hatte seinen Genüssen die Grenzen so weit gesteckt, wie es ihm Gesundheit, Spannkraft und Reichtum nur irgend gestatteten. — Daß er als Kind besonders grüblerischer Natur gewesen wäre, war ihm auch nicht erinnerlich, — wo stak also die Wurzel, aus der dieses fremdartige, blütenlose Reis hervorsproßte, das er sein gegenwärtiges Ich nannte?
„Es gibt ein inneres, heimliches Wachstum,“ — erinnerte er sich plötzlich, erst vor wenigen Stunden gelesen zu haben; — er holte das Blatt der Papierrolle aus seiner Brieftasche hervor, suchte die Stelle und las:
„jahrelang scheint es zu stocken, dann, unerwartet, oft nur durch ein belangloses Ereignis geweckt, fällt die Hülle, und eines Tages ragt ein Ast mit reifen Früchten in unser Dasein hinein, dessen Blühen wir nie bemerkt haben, und wir sehen, daß wir Gärtner eines geheimnisvollen Baumes waren, ohne es zu wissen. — — — Hätte ich mich doch nie verleiten lassen, zu glauben, daß irgendeine Macht außer mir selbst diesen Baum zu gestalten vermag, — wie viel Jammer wäre mir erspart geblieben! Ich war alleiniger Herr über mein Schicksal und wußte es nicht! Ich dachte, weil ich es durch Taten nicht zu ändern vermochte, daß ich ihm wehrlos gegenüberstünde. — Wie oft ist es mir nicht durch den Sinn gefahren, daß: Herr über seine Gedanken zu sein, auch bedeuten müsse, der allmächtige Lenker seines Schicksals zu sein! Aber ich habe es jedesmal verworfen, weil die Folgen solcher halben Versuche nicht sofort eintraten. — Ich unterschätzte die magische Gewalt der Gedanken und verfiel immer wieder in den Erbfehler der Menschheit, die Tat für einen Riesen zu halten und den Gedanken für ein Hirngespinst. — Nur, wer das Licht bewegen lernt, kann den Schatten gebieten und mit ihnen: dem Schicksal; wer es mit Taten zu vollbringen versucht, ist selbst nur ein Schatten, der mit Schatten vergeblich kämpft. Aber es scheint, als müsse uns das Leben fast zu Tode peinigen, bis wir endlich den Schlüssel begreifen. — — Wie vielmal wollte ich andern helfen, indem ich es ihnen erklärte; sie hörten mir zu, nickten und glaubten, aber es ging ihnen zum rechten Ohr hinein und zum linken wieder heraus. — Vielleicht ist die Wahrheit zu einfach, als daß man sie sogleich zu erfassen vermöchte. — Oder muß der „Baum“ erst zum Himmel ragen, ehe die Einsicht kommen kann? — Ich fürchte, der Unterschied zwischen Mensch und Mensch ist manchmal größer als der Unterschied zwischen Mensch und Stein. — Mit einem feinen Spürsinn herauszufinden, was diesen Baum grünen macht und vor dem Verdorren schützt, ist der Zweck unseres Lebens. Alles übrige heißt: Dünger schaufeln und nicht wissen, wozu. Doch wie viele mag’s ihrer heute wohl geben, die verstehen, was ich meine? — — Sie würden glauben, ich redete in Bildern, wenn ich’s ihnen sagte. Die Doppeldeutigkeit der Sprache ist’s, die uns trennt. — Wenn ich öffentlich etwas schriebe über inneres Wachstum, so würden sie ein „Klügerwerden“ darunter verstehen, oder ein „Besserwerden“; so, wie sie unter Philosophie eine Theorie verstehen und nicht: ein wirkliches Befolgen. — — Das Gebotehalten allein, selbst das ehrlichste, genügt nicht, um das innere Wachstum zu fördern, denn es ist nur die äußere Form. Oft ist das Gebotebrechen das wärmere Treibhaus. Aber wir halten die Gebote, wenn wir sie brechen sollten, und brechen sie, wenn wir sie halten sollten. Weil ein Heiliger nur gute Taten vollbringt, so wähnen sie, sie könnten durch gute Taten Heilige werden; so gehen sie den Pfad eines falschen Gottesglaubens entlang hinab in den Abgrund und glauben, sie wären Gerechte. — Eine irrige Demut blendet sie, so daß sie entsetzt zurücktaumeln, wie Kinder vor dem eignen Spiegelbild, und fürchten, sie seien wahnsinnig geworden, wenn die Zeit kommt — und sein Gesicht blickt ihnen entgegen.“
Eine Hoffnungsfreudigkeit, die Hauberrisser neu schien — so lange hatte sie in ihm geschlafen — war mit einemmal wieder aufgewacht und erfrischte ihn, obwohl er einen Augenblick nicht recht wußte — es auch gar nicht zu wissen begehrte — worüber er sich freuen und worauf er hoffen sollte.
Er fühlte sich plötzlich wie ein Glückskind und nicht mehr wie von boshaften Zufällen genarrt, daß ihm die sonderbare Geschichte mit dem Namen „Chidher Grün“ passiert war.
„Froh muß ich sein,“ jauchzte irgend etwas in ihm auf, „daß das Edelwild aus den unbekannten Wäldern eines neuen Gedankenreichs den Zaun des Alltags durchbricht und in meinen Garten grasen kommt, — froh, und nicht bedenklich, bloß weil ein paar alte morsche Stakete darüber kaput gehen.“