„Und du dir auch, wie ich merke.“

„Gewiß. Bloß leben genügt doch nicht. Oder? — Du scheinst überhaupt nicht zu ahnen, wie ungeheuer ich in Anspruch genommen bin. Nicht in bezug auf Gesellschaften, — das macht meine Hausdame drin ab — sondern durch die geistige Arbeit, die mir infolge beabsichtigter — Gründung — eines — neuen — Staates und einer neuen Religion erwächst. Jawohl.“

„Um Gotteswillen! Du wirst noch eingesperrt werden.“

„Fürchte nichts, ich bin kein Aufrührer.“

„Ist deine Gemeinde schon groß?“ fragte Hauberrisser lächelnd, da er einen Witz vermutete.

Pfeill sah ihn scharf an und sagte dann nach einer Pause: „Du scheinst mich, wie meistens, leider falsch zu verstehen. Spürst du nicht, daß etwas in der Luft liegt, was, vielleicht seit die Erde steht, noch nie so stark in der Luft gelegen hat? Einen Weltuntergang zu prophezeien ist eine undankbare Sache; er ist zu oft im Laufe der Jahrhunderte vorausgesagt worden, als daß die Glaubwürdigkeit nicht darunter gelitten hätte.

Trotzdem, glaube ich, behält diesmal derjenige Recht, der das Kommen eines solchen Ereignisses zu fühlen behauptet. Es braucht ja nicht gleich eine Vernichtung der Erde zu sein, — der Untergang einer alten Weltanschauung ist auch ein Weltuntergang.“

„Und ein derartiger Umschwung in den Anschauungen, meinst du, könnte sich von heut auf morgen vollziehen?“ — Hauberrisser schüttelte zweifelnd den Kopf, — „da glaube ich eher noch an bevorstehende Naturereignisse verheerender Art. Über Nacht ändern sich die Menschen nicht.“

„Sage ich denn, daß äußere Katastrophen ausbleiben müssen?!“ rief Pfeill; „im Gegenteil, jeder Nerv in mir ahnt ihr Kommen. — Was die plötzliche innere Veränderung der Menschheit anbetrifft, so hast du hoffentlich nur scheinbar Recht. Wie weit kannst du denn in der Geschichte zurückblicken, daß du solche Behauptungen aufstellen dürftest? Doch kaum ein paar lumpige tausend Jahre! — Hat es selbst in dieser kurzen Zeit nicht geistige Epidemien gegeben, deren rätselhaftes Auftauchen einen nachdenklich machen müßte? — Kinderkreuzzüge sind vorgekommen, — freilich, ob’s die Menschheit jemals zu Kommiskreuzzügen bringen wird, ist zweifelhaft. Aber möglich ist manches, sogar um so wahrscheinlicher, je länger es auf sich warten läßt. — Bisher haben die Menschen einander zerfleischt um gewisser verdächtiger Unsichtbarer willen, die sich vorsichtshalber nicht Geister nennen, sondern ‚Ideale‘. Jetzt, glaube ich, hat endlich die Stunde des Krieges gegen diese Unsichtbaren geschlagen, — und da möchte ich gerne dabei sein. Seit Jahren schon werde ich zum Soldaten im geistigen Sinne abgerichtet, das ist mir längst klar, aber so deutlich, wie jetzt, habe ich noch nie empfunden, daß eine große Schlacht gegen diese verfluchten Gespenster bevorsteht. Ich sage dir, wenn man einmal in das Ausroden der falschen Ideale hineinkommt, — nicht fertig wird man damit. Es ist kaum glaublich, was sich da alles auf dem Wege der Ideenvererbung an impertinentem Schwindel in einem aufgehäuft hat. — Und siehst du, dieses systematische Ausjäten von Unkraut in mir nenne ich die Gründung eines neuen — Staates. Aus Rücksicht für die bestehenden Systeme und aus Taktgefühl gegenüber meinen Mitmenschen, denen ich, Gott sei vor, meine Ansichten über innere Wahrhaftigkeit und unbewußte Verlogenheit nicht aufdrängen möchte, habe ich mich von vornherein darauf beschränkt, in meinen Staat, — den ich den keimfreien Staat nenne, weil er gründlich desinfiziert ist von den seelischen Bakterien eines falschen Idealismus, — nur einen einzigen Untertanen aufzunehmen, nämlich mich selbst. Ebenso bin ich der einzige Missionär meines Glaubens. Übertrittlinge brauche ich nicht.“

„Organisator bist du demnach nicht, wie ich sehe,“ warf Hauberrisser erleichtert ein.