Erstaunt blickte Hauberrisser umher, als er sich in einem rehfarbenen, sämischledernen Klubsessel, der so dick wattiert war, daß er fast drin versank, niedergelassen hatte:

Wände und Plafond waren mit glatten, porenfreien und so kunstvoll aneinander gefügten Korkplatten, daß man keine Ritze bemerken konnte, bedeckt, — die Fensterscheiben aus gebogenem Glas, die Möbel, die Mauerecken und Winkel, ja selbst die Türstöcke sanft gerundet; nirgends eine Kante, der Teppich weich wie knöcheltiefer Sand und überall das gleiche, milde, matte Hellbraun.

„Ich bin nämlich dahinter gekommen,“ erklärte Baron Pfeill, „daß ein Mensch, der in Europa zu leben verdammt ist, eine Tobsuchtszelle nötiger hat als irgend etwas sonst. In Räumen, wie dieser, nur eine Stunde zu sitzen, reicht hin, um auch den reizbarsten Zappelphilipp für lange Zeit in eine sanftmütige Molluske zu verwandeln. Ich versichere dir, ich kann mit Pflichten vollgepfropft sein bis zum Hals, — der bloße Gedanke an mein weiches Zimmer genügt, und schon fallen alle guten Vorsätze von mir ab wie vom Fuchs das Ungeziefer, wenn man ihn in Milch badet. Dank dieser sinnreichen Einrichtung bin ich jederzeit in der Lage, auch das wichtigste Tagewerk reuelos zu versäumen.“

„Wer dich so reden hört,“ sagte Hauberrisser belustigt, „müßte unfehlbar glauben, du seiest der zynischste Genußmensch geworden, der sich ausdenken läßt.“

„Falsch!“ widersprach Pfeill und schob seinem Freund eine Zigarrenkassette mit geschweiftem Buckeln hin, „ganz und gar falsch. Es ist lediglich die abgefeimteste Gewissenhaftigkeit gegen mich selbst, die mein Denken und mein Tun leitet. — Ich weiß, du bist der Ansicht, das Leben sei sinnlos; auch ich war lange in diesem Wahn befangen, aber allmählich ist mir ein Licht aufgegangen. Man muß nur mit der Streberei aufhören und wieder ein natürlicher Mensch werden.“

„Und das“ — Hauberrisser deutete auf die Korkwände — „nennst du: natürlich?“

„Freilich! — Wenn ich arm wäre, müßte ich in einer verwanzten Kammer wohnen, — täte ich es jetzt freiwillig, so hieße das, die Unnatur auf den Gipfel treiben. Das Schicksal muß doch irgend etwas damit bezwecken, daß es mich hat reich auf die Welt kommen lassen. — Mich belohnen für etwas, was ich in einem früheren Dasein begangen und, unberufen, vergessen habe? Das riecht mir zu sehr nach theosophischem Kitsch. — Am wahrscheinlichsten, glaube ich, ist’s, daß es mir die hehre Aufgabe stellt, ich solle mich so lange an den Süßigkeiten des Lebens überfressen, bis ich es satt bekäme und der Abwechslung wegen wieder einmal nach hartem Brot begehrte. Soll geschehen; an mir wird’s nicht fehlen. Schlimmstenfalls irre ich mich. — Mein Geld andern schenken? Bitte, sofort; aber einsehen müßte ich vorher, weshalb. Bloß weil’s in so vielen Schmökern steht? Nein. Auf das sozialistische Motto: ‚Geh du weg und laß mich hin‘, falle ich prinzipiell nicht herein. Soll ich vielleicht einem, der bittere Medizin braucht, eine süße reichen? — Schicksal panschen, das könnte mir so fehlen.“

Hauberrisser kniff ein Auge zu.

„Ich weiß schon warum du grinst, Halunke,“ fuhr Pfeill ärgerlich fort; „du spielst auf die gottverfluchten paar Kröten an, die ich da dem Schuster — aus Versehen natürlich — geschickt habe. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. — — Was sind das für Taktlosigkeiten, mir meine Schwächen vorzuhalten! Die ganze Nacht habe ich mich wegen meiner Charakterlosigkeit gegiftet. Was, wenn der Alte überschnappt, dann bin ich Schuld daran.“

„Wenn wir schon davon sprechen,“ gab Hauberrisser zu, „keinesfalls hättest du ihm auf einen Hieb so viel schicken brauchen und ihn lieber —“ „brockenweis verhungern lassen sollen,“ ergänzte Pfeill höhnisch. „Alles das ist Blech. Ich gebe zu, wer nach dem Gefühl handelt, dem wird viel vergeben, weil er viel geliebt hat. Aber zuerst hat man mich gefälligst zu fragen, ob ich darauf reflektiere, daß man mir etwas vergibt. Ich gedenke nämlich meine Schulden, auch die geistigen, bis auf den letzten Cent zu bezahlen. Mir schwant, meine wertgeschätzte Seele hat sich lange vor meiner Geburt klugerweise große Reichtümer gewünscht. — Vorsichtshalber. Um nicht durch das Nadelöhr in den Himmel zu kommen. Sie liebt eben rastloses Halleluja-Gerufe nicht und eintönige Musik ist mir auch ein Graus. — Ja, wenn der Himmel nur eine leere Drohung wäre! Aber ich bin fest überzeugt, es gibt so ein Institut nach dem Tode. Da ist es natürlich ein äußerst schweres Balancierstück, einerseits anständig zu bleiben und anderseits trotzdem einem künftigen Paradies zu entwischen. Ein Problem, über das sich schon der gottselige Buddha den Kopf zerbrochen hat.“