Rasch und dennoch frei von Eile oder Hast schritt sie durch die Straßen, nicht wissend, ob sie an der nächsten Ecke geradeaus gehen solle oder nicht, und trotzdem sicher, daß sie im letzten Moment nicht zweifeln werde, welchen Weg sie zu nehmen habe.

Sie zitterte an allen Gliedern und wußte, daß es aus Todesangst entsprang, aber ihr Herz hatte keinen Anteil daran; sie war nicht imstande, die Furcht ihres Körpers in sich aufzunehmen — stand abseits davon, als seien ihre Nerven die einer andern.

Als sie auf einen freien Platz gelangte, in dessen Hintergrund der dunkle massige Würfel der Börse auftauchte, glaubte sie einen Augenblick, sie ginge zur Bahn und alles sei nur Täuschung gewesen, dann riß es sie plötzlich nach rechts durch enge, winklige Straßen.

Die wenigen Leute, die ihr entgegenkamen, blieben stehen und sie fühlte, daß sie ihr nachsahen.

Mit einem neuen Ahnungsvermögen, das sie früher nie an sich gekannt hatte, war sie plötzlich fähig zu erraten, was jeden einzelnen tief innerlich bewegte. — Aus manchen fühlte sie eine Besorgnis hervorbrechen wie einen Gedankenstrom voll heißen Mitleids, das ihr galt, und doch wußte sie, daß die Betreffenden selbst nicht die leiseste Ahnung hatten von dem, was in ihnen vorging, — daß sie mit keiner Faser begriffen, weshalb sie sich nach ihr umblickten, und gesagt haben würden, sie täten es aus Neugierde oder ähnlichen Motiven, wenn sie darüber Rechenschaft hätten geben müssen.

Mit Staunen wurde sie gewahr, daß ein geheimes, unsichtbares Band die Menschen umschloß, — daß ihre Seelen einander erkannten über die Körper hinweg und mitsammen sprechen konnten in unwägbaren Schwingungen und Gefühlen, die nur zu fein waren, um von den äußern Sinnen erfaßt zu werden. — Wie Raubtiere, scheelsüchtig, gierig und mordbereit, machten sie sich das Leben streitig, und doch bedurfte es vielleicht bloß eines winzigen Risses in dem Vorhang, der über ihren Augen lag, um aus den erbittertsten Feinden die treusten Freunde zu machen.

Immer einsamer und unheimlicher wurden die Gassen, in die sie geriet; sie zweifelte nicht länger, daß die nächsten Stunden ihr etwas Gräßliches, — sie glaubte, den Tod durch die Hand eines Mörders — bringen würden, wenn es ihr nicht gelänge, den Bann zu brechen, der sie vorwärts zog, — und doch machte sie nicht einmal den Versuch, dagegen anzukämpfen. Sie duldete ohne Widerstand den fremden Willen, der ihr den Weg in die Finsternis aufzwang, in ruhevoller Zuversicht, daß alles, was ihr zustoßen würde, nur einen Schritt weiter dem Ziele entgegen bedeutete.

Durch eine Lücke zwischen Häusergiebeln, als sie einen schmalen eisernen Steg über eine Gracht passierte, sah sie einen Augenblick die Silhouette der Nikolaskirche mit ihren beiden Türmen sich vom Horizont abheben wie eine warnend erhobene dunkle Hand und atmete unwillkürlich erleichtert auf bei dem Gedanken, es könne vielleicht nur Swammerdam sein, der in seinem Leid um Klinkherbogk mit dem Herzen nach ihr riefe.

Die Feindseligkeit, die sie um sich her lauern spürte, belehrte sie, daß sie sich irrte. Es ging ein finsterer Haß von der Erde aus, der sich gegen sie richtete, — der kalte, unbarmherzige Grimm, den die Natur auf den Menschen wirft, wenn er es wagt, an den Fesseln seiner Knechtschaft zu rütteln.

Es war das erstemal, daß sie sich fürchtete, seit sie ihr Zimmer verlassen hatte; — das Bewußtsein äußerster Hilflosigkeit ließ sie fast zusammenbrechen.