Sie versuchte sich darüber klar zu werden, ob es allein der Abstand zwischen dem soeben Erlebten und den irdischen Dingen war, der ihr die Außenwelt plötzlich so nebensächlich erscheinen ließ, und fand, daß alles, was sie jetzt mit den Sinnen wahrnahm, fast wie ein Traum an ihr vorüberglitt, der, ob leid- oder freudvoll, immer nur ein Schauspiel ohne tiefer einschneidende Bedeutung blieb für das erwachte Ich.
Sogar ihre Gesichtszüge, als sie in den Spiegel blickte und ihren Reisemantel anzog, hatten etwas leise Fremdartiges für sie, — so, als müsse sie sich erst zögernd erinnern, daß sie es sei, die da umherging.
Hinter allem, was sie tat, stand eine beinah totenhafte Ruhe; sie sah in die Zukunft hinein wie in undurchdringliche Finsternis und doch voll Gleichmut, wie jemand, der weiß, daß das Schiff seines Lebens Anker gefaßt hat, und den kommenden Morgen gelassen erwartet, unbesorgt, welche Stürme die Nacht noch bringen wird. — —
Sie dachte daran, daß es Zeit sein müsse, zur Bahn zu gehen; — ein Vorgefühl, daß sie Antwerpen nie mehr sehen werde, hielt sie ab, aufzubrechen.
Sie griff nach Papier und Tinte, um an ihren Geliebten einen Brief zu schreiben, — kam nicht über die erste Zeile hinaus; die innere Gewißheit, alles, was sie jetzt aus eignem Willen begänne, sei vergeblich, und daß es eher möglich wäre, eine abgeschossene Kugel im Laufe aufzuhalten, als der geheimnisvollen Macht, in deren Hände sie ihr Schicksal gelegt, in die Zügel zu fahren, lähmte jeden Entschluß in ihr. — —
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Das Murmeln einer Stimme, das durch die Wände des Nebenzimmers zu ihr herübergedrungen war, ohne daß sie ihm irgendwelche Beachtung geschenkt hatte, erstarb mit einem Ruck und ließ eine Stille zurück, die in ihr die Empfindung weckte, als sei sie plötzlich taub für äußere Geräusche geworden.
Statt dessen glaubte sie nach einer Weile tief im Ohr, wie aus einem andern Lande kommend, ein beharrliches Flüstern zu hören, das allmählich zu dumpfen Kehllauten einer fremden, wilden Sprache anschwoll.
Sie verstand die Worte nicht — begriff nur aus dem übermächtigen Zwang, der sie nötigte aufzuspringen und zur Tür zu gehen, daß der Sinn der Mitteilung ein Befehl war, dem sie gehorchen mußte, ohne sich dagegen wehren zu können.
Auf der Treppe erinnerte sie sich, ihre Handschuhe vergessen zu haben, aber ihr Versuch, umzukehren, wurde von einer Kraft, die ihr fremd und bösartig und dennoch in den tiefsten Wurzeln als die eigene erschien, im selben Augenblick beiseite geschoben, als sie kaum den Gedanken gefaßt hatte.