Da sah sie, daß ein Mensch auf einem weißen Pferd in rasender Eile von der Erde durch die Luft empor zum Himmel schoß, und erkannte, daß es Swammerdam war.
Er sprang ab, trat zu dem Mann, schrie auf ihn ein und faßte ihn voll Zorn an der Brust.
Dann deutete er herrisch hinab auf Eva.
Sie wußte, was er wollte.
Ihr Herz erdröhnte unter dem Wort der Bibel, daß das Himmelreich mit Gewalt genommen werden müsse, — das Flehen wich von ihr wie ein Schatten und sie befahl, wie Swammerdam es sie gelehrt, im Siegesbewußtsein ihres ewigen Rechts der Selbstbestimmung: der Lenker des Schicksals solle sie vorwärts jagen dem höchsten Ziel zu, das ein Weib erringen könne, — erbarmungslos, taub für ihre Bitten, wenn sie schwach würde, vorwärts, schneller als die Zeit, — an Freuden und Glück vorbei und hindurch, ohne ihr Rast zu gönnen, ohne einen Atemzug zu versäumen, und koste es sie tausendfach das Leben.
Sie verstand, daß sie sterben müsse, denn das Zeichen auf der Stirne des Mannes strahlte unverhüllt, und es war bei ihrem Befehl so blendend geworden, daß es ihr Denken verbrannte, — ihr Herz jauchzte dagegen an: sie würde leben, da sie zugleich das Antlitz des Mannes gesehen hatte; — sie zitterte unter der ungeheuren Kraft, die in ihr frei wurde und den Riegel an der Kerkerpforte des Knechttums zerbrach, sie fühlte den Boden unter den Füßen wanken und ihr Bewußtsein schwinden, aber ihre Lippen murmelten ohne aufzuhören immer noch denselben Befehl — wieder und wieder, als das Gesicht am Himmel bereits längst verschwunden war.
Nur allmählich fand sie sich in ihre Umgebung zurück.
Sie wußte, daß sie zum Bahnhof gehen wollte, erinnerte sich, daß sie ihre Koffer vorausgeschickt hatte, sah den Brief ihrer Tante auf dem Tisch liegen, nahm ihn und zerriß ihn in kleine Stücke; alles, was sie tat, geschah mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher, und doch kam es ihr neu und ungewohnt vor, — so, als seien ihre Hände, ihre Augen und ihr ganzer Körper nur noch Werkzeuge und nicht mehr mit ihrem Ich untrennbar verbunden. Sie hatte die Empfindung, als lebe sie gleichzeitig an einem fernen Ort irgendwo im Weltall ein zweites, dumpfes, noch nicht völlig erwachtes Leben wie ein Kind, das eben erst geboren worden.
Die Dinge im Zimmer hatten von ihren eigenen Organen nichts wesentlich Verschiedenes mehr für sie, — waren beides Gebrauchsgegenstände für den Willen, nichts weiter.
An den Abend im Park von Hilversum dachte sie wie an eine liebe Erinnerung aus der Kinderzeit, von der eine lange Reihe von Jahren sie trenne, zurück voll Freude und Zärtlichkeit, aber doch mit einem Gefühl, als sei das alles verschwindend und winzig gegenüber der unsagbaren Seligkeit, die eine kommende Zeit bringen werde. — Es war ihr zumute wie einer Blinden, die bisher nichts als finstere Nacht gekannt hat und in deren Herzen alle erlebten Freuden angesichts der neuen Gewißheit verblassen, daß eine Stunde schlagen wird, — wenn auch vielleicht spät und nach langen qualvollen Leiden, — die ihr das Augenlicht schenkt.