Kein Opfer wäre so schwer gewesen, daß sie es nicht jauchzend um seinetwillen gebracht hätte. — Sie begriff mit den feinen Instinkten des Weibes, daß das Höchste, was eine Frau zu tun vermöchte, nur die Aufopferung ihrer selbst sein konnte, aber, was sie auch ersann, — es war, gemessen an der Größe ihrer Liebe, nichtig, vergänglich und kindisch.
Sich ihm unterzuordnen in allen Stücken, ihm die Sorgen abzunehmen, jeden Wunsch an den Augen abzulesen — wie leicht mußte es sein. — Würde sie ihn aber damit auch glücklich machen? — Es ging nicht über das Menschentum hinaus, und das, was sie zu schenken begehrte, sollte mehr sein als alles, was sich erdenken ließ.
Was sie früher nur dunkel begriffen hatte: den bittern Kummer einer Seele, reich zu sein wie ein König am Gebenwollen und bettelarm im Gebenkönnen, jetzt stand es riesengroß vor ihr und erfaßte sie mit den gewaltigen Schauern, die einst den Heiligen der Erde durch den Hohn und das Grinsen der Menge hindurch den Weg des Martyriums gewiesen hatten.
Im Übermaß ihrer Pein legte sie die Stirn an das Geländer und schrie mit verkrampften Lippen ein Gebet in sich hinein: nur der Geringste aus der Schar derer, die um der Liebe willen den Strom des Todes durchquert haben, möge ihr erscheinen und ihr den Pfad zur geheimnisvollen Krone des Lebens entdecken, damit sie sie nehmen und verschenken könne.
Als habe eine Hand ihren Scheitel berührt, blickte sie auf und sah, daß sich der Himmel plötzlich verändert hatte.
Querüber ging ein Riß aus fahlem Licht und die Sterne stürzten hinein wie eine vom Sturmwind gejagte Wolke schimmernder Eintagsfliegen. Dann tat sich eine Halle auf und an einem langen Tisch saßen uralte Männer in faltigen Gewändern, die Augen starr auf sie gerichtet, als seien sie bereit, ihre Rede zu vernehmen. Der Oberste von ihnen hatte den Gesichtsschnitt einer fremden Rasse, zwischen den Brauen ein leuchtendes Mal, und von seinen Schläfen gingen zwei blendende Strahlen aus wie die Hörner des Moses.
Eva erriet, daß sie ein Gelöbnis tun solle, aber sie konnte die Worte nicht finden. Sie wollte flehen, daß die Alten ihre Bitte erhören möchten, aber das Gebet konnte nicht aufsteigen; — es blieb ihr in der Kehle stecken und ballte sich in ihrem Munde.
Langsam begann sich der Riß wieder zu schließen und die Milchstraße legte sich, als die Halle und der Tisch immer undeutlicher wurden und verschwammen, wie eine leuchtende Narbe am Himmel darüber.
Nur der Mann mit dem lodernden Mal auf der Stirn war noch sichtbar.
In stummer Verzweiflung streckte Eva die Arme nach ihm aus, daß er warten möge und sie anhören, aber schon wollte er das Gesicht abwenden.