Sofort stürzte eine Flutwelle von Erinnerungen auf mich ein: Bänke, bespritzt mit Tinte von oben bis unten, Rechenhefte, plärrender Gesang, ein Junge, der Maikäfer in der Klasse losläßt, Lesebücher mit zerquetschten Butterbroten darin und Geruch nach Orangeschalen. Jetzt wußte ich mit Gewißheit: Ich war einst als Knabe hier gewesen. — Aber ich ließ mir keine Zeit nachzudenken und eilte heim.

Der erste Mensch, der mir in der Salnitergasse begegnete, war ein verwachsener alter Jude mit weißen Schläfenlocken. Kaum hatte er mich erblickt, bedeckte er sein Gesicht mit den Händen und heulte laut hebräische Gebete herunter.

Auf den Lärm hin mußten wahrscheinlich viele Leute aus ihren Höhlen gestürzt sein, denn es brach ein unbeschreibliches Gezeter hinter mir los. Ich drehte mich um und sah ein wimmelndes Heer totenblasser, entsetzenverzerrter Gesichter sich mir nachwälzen.

Erstaunt blickte ich an mir herunter und verstand: — ich trug noch immer die seltsam mittelalterlichen Kleider von nachts her über meinem Anzug, und die Leute glaubten, den „Golem“ vor sich zu haben.

Rasch lief ich um die Ecke hinter ein Haustor und riß mir die modrigen Fetzen vom Leibe.

Gleich darauf raste die Menge mit geschwungenen Stöcken und geifernden Mäulern schreiend an mir vorüber.

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Licht

Einige Male im Laufe des Tages hatte ich an Hillels Türe geklopft; — es ließ mir keine Ruhe: ich mußte ihn sprechen und fragen, was alle diese seltsamen Erlebnisse bedeuteten; aber immer hieß es, er sei noch nicht zu Hause.

Sowie er heimkäme vom jüdischen Rathaus, wollte mich seine Tochter sofort verständigen. —