Sie war dicht zu mir gerückt und hörte mit einer tiefen, atemlosen Teilnahme zu, die mir unsäglich wohl tat.

Endlich hatte ich einen Menschen gefunden, mit dem ich mich aussprechen konnte, wenn mir meine geistige Einsamkeit zu schwer wurde. — Gewiß wohl: Hillel war ja noch da, aber für mich nur wie ein Wesen jenseits der Wolken, das kam und verschwand wie ein Licht, an das ich nicht herankonnte, wenn ich mich sehnte.

Ich sagte es ihr, und sie verstand mich. Auch sie sah ihn so, trotzdem er ihr Vater war.

Er hing mit unendlicher Liebe an ihr und sie an ihm — „und doch bin ich wie durch eine Glaswand von ihm getrennt,“ vertraute sie mir an, „die ich nicht durchbrechen kann. Solange ich denke, war es so. — Wenn ich ihn als Kind im Traum an meinem Bette stehen sah, immer trug er das Gewand des Hohenpriesters: die goldene Tafel des Moses mit den 12 Steinen darin auf der Brust, und blaue, leuchtende Strahlen gingen von seinen Schläfen aus. — Ich glaube, seine Liebe ist von der Art, die übers Grab hinausgeht, und zu groß, als daß wir sie fassen könnten. — Das hat auch meine Mutter immer gesagt, wenn wir heimlich über ihn sprachen.“ — — Sie schauderte plötzlich und zitterte am ganzen Leib. Ich wollte aufspringen, aber sie hielt mich zurück: „Seien Sie ruhig, es ist nichts. Bloß eine Erinnerung. Als meine Mutter starb, — nur ich weiß, wie er sie geliebt hat, ich war damals noch ein kleines Mädchen, — glaubte ich vor Schmerz ersticken zu müssen, und ich lief zu ihm hin und krallte mich in seinen Rock und wollte aufschreien und konnte doch nicht, weil alles gelähmt war in mir — und — und da — — — — mir läuft’s wieder eiskalt über den Rücken, wenn ich daran denke — — sah er mich lächelnd an, küßte mich auf die Stirn und fuhr mir mit der Hand über die Augen. — — — — Und von dem Moment an bis heute war jedes Leid, daß ich meine Mutter verloren hatte, wie ausgetilgt in mir. Nicht eine Träne konnte ich vergießen, als sie begraben wurde; ich sah die Sonne als strahlende Hand Gottes am Himmel stehen und wunderte mich, warum die Menschen weinten. Mein Vater ging hinter dem Sarge her, neben mir, und wenn ich aufblickte, lächelte er jedesmal leise, und ich fühlte, wie das Entsetzen durch die Menge fuhr, als sie es sahen.“

„Und sind Sie glücklich, Mirjam? Ganz glücklich? Liegt nicht zugleich etwas Furchtbares für Sie in dem Gedanken, ein Wesen zum Vater zu haben, das hinausgewachsen ist über alles Menschentum?“ fragte ich leise.

Mirjam schüttelte freudig den Kopf:

„Ich lebe wie in einem seligen Schlaf dahin. — Als Sie mich vorhin fragten, Herr Pernath, ob ich nicht Sorgen hätte, und warum wir hier wohnten, mußte ich fast lachen. Ist denn die Natur schön? Nun ja, die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, aber das alles kann ich mir viel schöner vorstellen, wenn ich die Augen schließe. Muß ich denn, um sie zu sehen, auf einer Wiese sitzen? — Und das bißchen Not und — und — und Hunger? Das wird tausendfach aufgewogen durch die Hoffnung und das Warten.“

„Das Warten?“ fragte ich erstaunt.

„Das Warten auf ein Wunder. Kennen Sie das nicht? Nein? Da sind Sie aber ein ganz, ganz armer Mensch. — Daß das so wenige kennen?! Sehen Sie, das ist auch der Grund, weshalb ich nie ausgehe und mit niemand verkehre. Ich hatte wohl früher ein paar Freundinnen — Jüdinnen natürlich, wie ich —, aber wir redeten immer aneinander vorbei; sie verstanden mich nicht und ich sie nicht. Wenn ich von Wundern sprach, glaubten sie anfangs, ich mache Spaß, und als sie merkten, wie ernst es mir war, und daß ich auch unter Wundern nicht das verstand, was die Deutschen mit ihren Brillen so bezeichnen: das gesetzmäßige Wachsen des Grases und dergleichen, sondern eher das Gegenteil, — hätten sie mich am liebsten für verrückt gehalten, aber dagegen stand ihnen wieder im Wege, daß ich ziemlich gelenkig bin im Denken, hebräisch und aramäisch gelernt habe, die Targumim und Midraschim lesen kann, und was dergleichen Nebensächlichkeiten mehr sind. Schließlich fanden sie ein Wort, das überhaupt nichts mehr ausdrückt: sie nannten mich ‚überspannt‘.

Wenn ich ihnen dann klarmachen wollte, daß das Bedeutsame — das Wesentliche — für mich in der Bibel und anderen heiligen Schriften das Wunder und bloß das Wunder sei und nicht Vorschriften über Moral und Ethik, die nur versteckte Wege sein können, um zum Wunder zu gelangen, — so wußten sie nur mit Gemeinplätzen zu erwidern, denn sie scheuten sich, offen einzugestehen, daß sie aus den Religionsschriften nur das glaubten, was ebensogut im bürgerlichen Gesetzbuch stehen könnte. Wenn sie das Wort ‚Wunder‘ nur hörten, wurde ihnen schon unbehaglich. Sie verlören den Boden unter den Füßen, sagten sie.