Daß ich Mirjam viel zu oberflächlich beurteilt hatte, war klar.

Schon als die Tochter Hillels mußte sie anders sein als andere Mädchen.

Wie hatte ich nur so vermessen sein können, auf solch törichte Weise in ein Innenleben einzugreifen, das vielleicht himmelhoch über meinem eigenen stand!

Schon ihr Gesichtsschnitt, der hundertmal eher in die Zeit der sechsten ägyptischen Dynastie paßte und selbst für diese noch viel zu vergeistigt war, als in die unsrige mit ihren Verstandesmenschentypen, hätte mich warnen müssen.

„Nur der ganz Dumme mißtraut dem äußern Schein,“ hatte ich irgendwo einmal gelesen. — Wie richtig! Wie richtig!

Mirjam und ich waren jetzt gute Freunde; sollte ich ihr eingestehen, daß ich es gewesen war, der die Dukaten Tag für Tag ins Brot geschmuggelt hatte?

Der Schlag käme zu plötzlich. Würde sie betäuben.

Ich durfte das nicht wagen, mußte behutsamer vorgehen.

Das „Wunder“ irgendwie abschwächen? Statt das Geld ins Brot zu stecken, es auf die Treppenstufe legen, daß sie es finden mußte, wenn sie die Tür aufmachte, und so weiter, und so weiter? Etwas Neues, weniger Schroffes würde sich schon ausdenken lassen, irgendein Weg, der sie aus dem Wunderbaren allmählich wieder ins Alltägliche herüberlenkte, tröstete ich mich.

Ja! Das war das Richtige.