Wir schwiegen beide eine lange Zeit. Dann ergriff sie plötzlich meine Hand und lächelte. Beinahe fröhlich.
„Ich will nicht, daß Sie sich meinetwegen grämen;“ — (sie tröstete mich — mich!) — „vorhin waren Sie so voll Freude und Glück über den Frühling draußen, und jetzt sind Sie die Betrübnis selbst. Ich hätte Ihnen überhaupt nichts sagen sollen. Reißen Sie es aus Ihrem Gedächtnis und denken Sie wieder so heiter wie vorhin! — Ich bin ja so froh —“
„Sie? Froh? Mirjam?“, unterbrach ich sie bitter.
Sie machte ein überzeugtes Gesicht: „Ja! Wirklich! Froh! Als ich zu Ihnen heraufging, war ich so unbeschreiblich ängstlich, — ich weiß nicht warum: ich konnte das Gefühl nicht loswerden, daß Sie in einer großen Gefahr schweben,“ — ich horchte auf — „aber, statt mich darüber zu freuen, Sie gesund und wohlauf zu treffen, habe ich Sie angeunkt und — —“
Ich zwang mich zur Lustigkeit: „und das können Sie nur gutmachen, wenn Sie mit mir ausfahren.“ (Ich bemühte mich, so viel Übermut wie möglich in meine Stimme zu legen:) „Ich möchte doch einmal sehen, Mirjam, ob es mir nicht gelingt, Ihnen die trüben Gedanken zu verscheuchen. Sagen Sie, was Sie wollen: Sie sind noch lange kein ägyptischer Zauberer, sondern vorläufig nur ein junges Mädchen, dem der Tauwind noch manchen bösen Streich spielen kann.“
Sie wurde plötzlich ganz lustig:
„Ja, was ist denn das heute mit Ihnen, Herr Pernath? So hab’ ich Sie noch nie gesehen! — Übrigens ‚Tauwind‘: bei uns Judenmädchen lenken bekanntlich die Eltern den Tauwind, und wir haben nur zu gehorchen. Tuen es natürlich auch. Es steckt uns schon so im Blut. — Mir ja nicht,“ setzte sie ernsthafter hinzu, „meine Mutter hat bös gestreikt, als sie den gräßlichen Aaron Wassertrum heiraten sollte.“
„Was? Ihre Mutter? Den Trödler da unten?“
Mirjam nickte. „Gott sei Dank ist es nicht zustande gekommen. — Für den armen Menschen freilich war es ein vernichtender Schlag.“
„Armer Mensch, sagen Sie?“ fuhr ich auf. „Der Kerl ist ein Verbrecher.“