Sie wiegte nachdenklich den Kopf: „Gewiß, er ist ein Verbrecher. Aber wer in einer solchen Haut steckt und kein Verbrecher wird, muß ein Prophet sein.“
Ich rückte neugierig näher:
„Wissen Sie Genaueres über ihn? Mich interessiert das. Aus ganz besonderen — —“
„Wenn Sie einmal seinen Laden von innen gesehen hätten, Herr Pernath, wüßten Sie sofort, wie es in seiner Seele ausschaut. Ich sage das, weil ich als Kind sehr oft drin war. — Warum sehen Sie mich so erstaunt an? Ist denn das so merkwürdig? — Gegen mich war er immer freundlich und gütig. Einmal sogar, erinnere ich mich, schenkte er mir einen großen blitzenden Stein, der mir besonders unter seinen Sachen gefallen hatte. Meine Mutter sagte, es sei ein Brillant, und ich mußte ihn natürlich sofort zurücktragen.
Erst wollte er ihn lange nicht wiedernehmen, aber dann riß er ihn mir aus der Hand und warf ihn voll Wut weit von sich. Ich habe aber dennoch gesehen, wie ihm dabei die Tränen aus den Augen stürzten; ich konnte auch damals schon genug Hebräisch, um zu verstehen, was er murmelte: ‚Alles ist verflucht, was meine Hand berührt.‘ — — Es war das letzte Mal, daß ich ihn besuchen durfte. Nie wieder hat er mich seitdem aufgefordert, zu ihm zu kommen. Ich weiß auch warum: Hätte ich ihn nicht zu trösten versucht, wäre alles beim alten geblieben, so aber, weil er mir unendlich leid tat, und ich es ihm sagte, wollte er mich nicht mehr sehen. — — — Sie verstehen das nicht, Herr Pernath? Es ist doch so einfach: er ist ein Besessener, — ein Mensch, der sofort mißtrauisch, unheilbar mißtrauisch wird, wenn jemand an sein Herz rührt. Er hält sich für noch viel häßlicher, als er in Wirklichkeit ist, — wenn das überhaupt möglich sein kann, — und darin wurzelt sein ganzes Denken und Handeln. Man sagt, seine Frau hätte ihn gern gehabt, vielleicht war es mehr Mitleid als Liebe, aber immerhin glaubten es sehr viele Leute. Der einzige, der vom Gegenteil tief durchdrungen war, war er. Überall wittert er Verrat und Haß.
Nur bei seinem Sohn machte er eine Ausnahme. Ob es daher kam, daß er ihn vom Säuglingsalter an hatte heranwachsen sehen, also das Keimen jeder Eigenschaft vom Urbeginn in dem Kinde sozusagen miterlebte und daher nie zu einem Punkte gelangte, wo sein Mißtrauen hätte einsetzen können, oder ob es im jüdischen Blute lag: alles, was an Liebesfähigkeit in ihm lebte, auf seinen Nachkommen auszugießen — in jener instinktiven Furcht unserer Rasse: wir könnten aussterben und eine Mission nicht erfüllen, die wir vergessen haben, die aber dunkel in uns fortlebt, — wer kann das wissen!
Mit einer Umsicht, die beinahe an Weisheit grenzte, und bei einem unbelesenen Menschen, wie er, wunderbar ist, leitete er die Erziehung seines Sohnes. Mit dem Scharfsinn eines Psychologen räumte er dem Kinde jedes Erlebnis aus dem Wege, das zur Entwicklung der Gewissenstätigkeit hätte beitragen können, um ihm künftige seelische Leiden zu ersparen.
Er hielt ihm als Lehrer einen hervorragenden Gelehrten, der die Ansicht verfocht, die Tiere seien empfindungslos und ihre Schmerzäußerung ein mechanischer Reflex.
Aus jedem Geschöpf so viel Freude und Genuß für sich selbst herauspressen wie nur irgend möglich, und dann die Schale sofort als nutzlos wegwerfen: das war ungefähr das Abc seines weitblickenden Erziehungssystems.
Daß das Geld als Standarte und Schlüssel zur ‚Macht‘ dabei eine erste Rolle spielte, können Sie sich denken, Herr Pernath. Und so wie er selbst den eigenen Reichtum sorgsam geheim hält, um die Grenzen seines Einflusses in Dunkel zu hüllen, so ersann er sich ein Mittel, seinem Sohn Ähnliches zu ermöglichen, ihm aber gleichzeitig die Qual eines scheinbar ärmlichen Lebens zu ersparen: er durchtränkte ihn mit der infernalischen Lüge von der ‚Schönheit‘, brachte ihm die äußere und innere Gebärde der Ästhetik bei, lehrte ihn äußerlich: die Lilie auf dem Felde heucheln und innerlich ein Aasgeier sein.