„Jawohl, der Haschile war der Golem. Heute nachmittags ging das Gespenst seelenvergnügt bei hellichtem Sonnenschein in seinem berüchtigten altmodischen Anzug aus dem 17. Jahrhundert durch die Salnitergasse spazieren, und da hat es der Schinder mit einer Hundeschlinge glücklich eingefangen.“

„Was soll das heißen? Ich verstehe kein Wort,“ fuhr ich auf.

„Ich sage Ihnen doch: der Haschile war es! Er hat die Kleider, höre ich, vor längerer Zeit hinter einem Haustor gefunden. — Übrigens, um auf das weiße Haus auf der Kleinseite zurückzukommen: die Sache ist furchtbar interessant. Es geht nämlich eine alte Sage, daß dort oben in der Alchimistengasse ein Haus steht, das nur bei Nebel sichtbar wird, und auch da bloß ‚Sonntagskindern‘. Man nennt es die ‚Mauer zur letzten Laterne‘. Wer bei Tag hinaufgeht, sieht dort nur einen großen, grauen Stein, — dahinter stürzt es jäh ab in die Tiefe in den Hirschgraben, und Sie können von Glück sagen Pernath, daß Sie keinen Schritt weiter gemacht haben: Sie wären unfehlbar hinuntergefallen und hätten sämtliche Knochen gebrochen.

Unter dem Stein, heißt es, ruht ein riesiger Schatz, und er soll von dem Orden der ‚Asiatischen Brüder‘, die angeblich Prag gegründet haben, als Grundstein für ein Haus gelegt worden sein, das dereinst am Ende der Tage ein Mensch bewohnen wird — besser gesagt ein Hermaphrodit — ein Geschöpf, das sich aus Mann und Weib zusammensetzt. Und der wird das Bild eines Hasen im Wappen tragen, — nebenbei: der Hase war das Symbol des Osiris, und daher stammt wohl die Sitte mit dem Osterhasen.

Bis die Zeit gekommen ist, heißt es, hält Methusalem in eigener Person Wache an dem Ort, damit Satan nicht den Stein beflattert und einen Sohn mit ihm zeugt: den sogenannten Armilos. — Haben Sie noch nie von diesem Armilos erzählen hören? — Sogar wie er aussehen würde, weiß man — das heißt, die alten Rabbiner wissen es, — wenn er auf die Welt käme: Haare aus Gold würde er haben, rückwärts zum Schopf gebunden, dann: zwei Scheitel, sichelförmige Augen und Arme bis herunter zu den Füßen.“

„Dieses Ehrengigerl sollte man aufzeichnen“, brummte Vrieslander und suchte nach einem Bleistift.

„Also: Pernath, wenn Sie einmal das Glück haben sollten, ein Hermaphrodit zu werden und en passant den vergrabenen Schatz zu finden,“ schloß Prokop, „dann vergessen Sie nicht, daß ich stets Ihr bester Freund gewesen bin!“

— Mir war nicht zum Spaßmachen zumute, und ich fühlte ein leises Weh im Herzen.

Zwakh mochte es mir ansehen, wenn er auch den Grund nicht wußte, denn er kam mir rasch zu Hilfe:

„Jedenfalls ist es höchst merkwürdig, fast unheimlich, daß Pernath gerade eine Vision an jener Stelle hatte, die mit einer uralten Sage so eng verknüpft ist. — Da sind Zusammenhänge, aus deren Umklammerung sich ein Mensch anscheinend nicht befreien kann, wenn seine Seele die Fähigkeit hat, Formen zu sehen, die dem Tastsinn vorenthalten sind. — Ich kann mir nicht helfen: das Übersinnliche ist doch das Reizvollste! — Was meint ihr?“