„Dieses kuriose Lied schnarrt jeden Abend beim ‚Loisitschek‘ der meschuggene Nephtali Schaffranek mit dem grünen Augenschirm, und ein geschminktes Weibsbild spielt Harmonika und gröhlt den Text dazu“, erklärte mir Zwakh. „Sie sollten auch einmal mit uns in diese Schenke gehen, Meister Pernath. Später vielleicht, wenn wir mit dem Punsch zu Ende sind, — was meinen Sie? Zur Feier Ihres heutigen Geburtstages?“
„Ja, ja kommen Sie nachher mit uns,“ sagte Prokop und klinkte das Fenster zu, — „man muß so etwas gesehen haben.“
Dann tranken wir den heißen Punsch und hingen unseren Gedanken nach.
Vrieslander schnitzte an einer Marionette.
„Sie haben uns förmlich von der Außenwelt abgeschnitten, Josua,“ unterbrach Zwakh die Stille, „seit Sie das Fenster geschlossen haben, hat niemand mehr ein Wort gesprochen.“
„Ich dachte nur darüber nach, als vorhin die Mäntel so flogen, wie seltsam es ist, wenn der Wind leblose Dinge bewegt,“ antwortete Prokop schnell, wie um sich wegen seines Schweigens zu entschuldigen: „Es sieht gar so wunderlich aus, wenn Gegenstände plötzlich zu flattern anheben, die sonst immer tot daliegen. Nicht? — Ich sah einmal auf einem menschenleeren Platz zu, wie große Papierfetzen, — ohne daß ich vom Winde etwas spürte, denn ich stand durch ein Haus gedeckt, — in toller Wut im Kreise herumjagten und einander verfolgten, als hätten sie sich den Tod geschworen. Einen Augenblick später schienen sie sich beruhigt zu haben, aber plötzlich kam wieder eine wahnwitzige Erbitterung über sie und in sinnlosem Grimm rasten sie umher, drängten sich in einen Winkel zusammen, um von neuem besessen auseinander zu stieben und schließlich hinter einer Ecke zu verschwinden.
Nur eine dicke Zeitung konnte nicht mitkommen; sie blieb auf dem Pflaster liegen und klappte haßerfüllt auf und zu, als sei ihr der Atem ausgegangen und als schnappe sie nach Luft.
Ein dunkler Verdacht stieg damals in mir auf: was, wenn am Ende wir Lebewesen auch so etwas Ähnliches wären wie solche Papierfetzen? — Ob nicht vielleicht ein unsichtbarer, unbegreiflicher „Wind“ auch uns hin und her treibt und unsre Handlungen bestimmt, während wir in unserer Einfalt glauben unter eigenem, freiem Willen zu stehen?
Wie, wenn das Leben in uns nichts anderes wäre als ein rätselhafter Wirbelwind? Jener Wind, von dem die Bibel sagt: weißt du von wannen er kommt und wohin er geht? — — — Träumen wir nicht auch zuweilen, wir griffen in tiefes Wasser und fingen silberne Fische, und nichts anderes ist geschehen, als daß ein kalter Luftzug unsere Hände traf?“
„Prokop, Sie sprechen in Worten wie Pernath, was ist’s mit Ihnen?“ sagte Zwakh und sah den Musiker mißtrauisch an.