„Die Geschichte vom Buch Ibbur, die vorhin erzählt wurde, — schade, daß Sie so spät kamen und sie nicht mit anhörten, — hat ihn so nachdenklich gestimmt“, meinte Vrieslander.
„Eine Geschichte von einem Buche?“
„Eigentlich von einem Menschen, der ein Buch brachte und seltsam aussah. — Pernath weiß nicht, wie er heißt, wo er wohnt, was er wollte, und trotzdem sein Aussehen sehr auffallend gewesen sein soll, lasse es sich doch nicht recht schildern.“
Zwakh horchte auf.
„Das ist sehr merkwürdig,“ sagte er nach einer Pause, „war der Fremde vielleicht bartlos und hatte er schrägstehende Augen?“
„Ich glaube,“ antwortete ich, „das heißt, ich — ich — weiß es ganz bestimmt. Kennen Sie ihn denn?“
Der Marionettenspieler schüttelte den Kopf: „Er erinnert mich nur an den ‚Golem‘.“
Der Maler Vrieslander ließ sein Schnitzmesser sinken:
„Golem? — Ich habe schon so viel davon reden hören. Wissen Sie etwas über den Golem, Zwakh?“
„Wer kann sagen, daß er über den Golem etwas wisse?“, antwortete Zwakh und zuckte die Achseln. „Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich wieder aufleben läßt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche. Werden so übertrieben und aufgebauscht, daß sie schließlich an der eigenen Unglaubwürdigkeit zugrunde gehen. Der Ursprung der Geschichte reicht wohl ins siebzehnte Jahrhundert zurück, sagt man. Nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala soll ein Rabbiner da einen künstlichen Menschen — den sogenannten Golem — verfertigt haben, damit er ihm als Diener helfe die Glocken in der Synagoge läuten, und allerhand grobe Arbeit tue.