„Mein lieber und verehrter Meister Pernath!

Ich schreibe Ihnen diesen Brief in fliegender Eile und höchster Angst. Bitte, vernichten Sie ihn sofort, nachdem Sie ihn gelesen haben, — oder besser noch, bringen Sie ihn mir samt Kuvert mit. — Ich hätte keine Ruhe sonst.

Sagen Sie keiner Menschenseele, daß ich Ihnen geschrieben habe. Auch nicht, wohin Sie heute gehen werden!

Ihr ehrliches gutes Gesicht hat mir — „neulich“ — (Sie werden durch diese kurze Anspielung auf ein Ereignis, dessen Zeuge Sie waren, erraten, wer Ihnen diesen Brief schreibt, denn ich fürchte mich, meinen Namen darunter zu setzen) — so viel Vertrauen eingeflößt, und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat, — alles das gibt mir den Mut, mich an Sie, als vielleicht den einzigen Menschen, der noch helfen kann, zu wenden.

Ich flehe Sie an, kommen Sie heute, abends um 5 Uhr, in die Domkirche auf dem Hradschin.

Eine Ihnen bekannte Dame.“

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Wohl eine Viertelstunde lang saß ich da und hielt den Brief in der Hand. Die seltsame, weihevolle Stimmung, die mich von gestern nacht her umfangen gehalten, war mit einem Schlag gewichen, — weggeweht von dem frischen Windhauch eines neuen irdischen Tages. Ein junges Schicksal kam lächelnd und verheißungsvoll — ein Frühlingskind — auf mich zu. Ein Menschenherz suchte Hilfe bei mir. — Bei mir! Wie sah meine Stube plötzlich so anders aus! Der wurmstichige, geschnitzte Schrank blickte so zufrieden drein, und die vier Sessel kamen mir vor wie alte Leute, die um den Tisch herumsitzen und behaglich kichernd Tarok spielen.

Meine Stunden hatten einen Inhalt bekommen, einen Inhalt voll Reichtum und Glanz.

So sollte der morsche Baum noch Früchte tragen?