Ich fühlte, wie mich eine lebendige Kraft durchrieselte, die bisher schlafen gelegen in mir — verborgen gewesen in den Tiefen meiner Seele, verschüttet von dem Geröll, das der Alltag häuft, wie eine Quelle losbricht aus dem Eis, wenn der Winter zerbricht.

Und ich wußte so gewiß, wie ich den Brief in der Hand hielt, daß ich würde helfen können, um was es auch ginge. Der Jubel in meinem Herzen gab mir die Sicherheit.

Wieder und wieder las ich die Stelle: „und weiter, daß Ihr lieber, seliger Vater mich als Kind unterrichtet hat — — — — — —“; — mir stand der Atem still. Klang das nicht wie Verheißung: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein?“ Die Hand, die sich mir hinstreckte, Hilfe suchend, hielt mir das Geschenk entgegen: die Rückerinnerung, nach der ich dürstete, — würde mir das Geheimnis offenbaren, den Vorhang heben helfen, der sich hinter meiner Vergangenheit geschlossen hatte!

„Ihr lieber, seliger Vater“ — —, wie fremdartig die Worte klangen, als ich sie mir vorsagte! — Vater! — Einen Augenblick sah ich das müde Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar in dem Lehnstuhl neben meiner Truhe auftauchen — fremd, ganz fremd und doch so schauerlich bekannt; — — dann kamen meine Augen wieder zu sich, und die Hammerlaute meines Herzens schlugen die greifbare Stunde der Gegenwart.

Erschreckt fuhr ich auf: hatte ich die Zeit verträumt? Ich blickte auf die Uhr: Gott sei Lob, erst halb fünf.

Ich ging in meine Schlafkammer nebenan, holte Hut und Mantel und schritt die Treppen hinab. Was kümmerte mich heute das Geraune der dunkeln Winkel, die bösartigen, engherzigen, verdrossenen Bedenken, die immer von ihnen aufstiegen: „Wir lassen dich nicht, — du bist unser, — wir wollen nicht, daß du dich freust — das wäre noch schöner, Freude hier im Haus!“

Der feine, vergiftete Staub, der sich sonst aus allen diesen Gängen und Ecken her um mich gelegt mit würgenden Händen: heute wich er vor dem lebendigen Hauch meines Mundes. Einen Augenblick blieb ich stehen an Hillels Tür.

Sollte ich eintreten?

Eine heimliche Scheu hielt mich ab zu klopfen. Mir war so ganz anders heute, — so, als dürfe ich gar nicht hinein zu ihm. Und schon trieb mich die Hand des Lebens vorwärts, die Stiegen hinab. — —

Die Gasse lag weiß im Schnee.