Die Geschichte vom Löwen Alois
war so: Seine Mutter hatte ihn geboren und war sofort gestorben.
Vergebens hatte er getrachtet, mit seinen runden Pfoten, die so weich waren wie Puderquasten, sie aufzuwecken, denn er verschmachtete vor Durst in der sengenden Mittagsglut.
„Wie die Sonne frühmorgens die Tautropfen schlürft, wird sie auch sein Leben austrinken“, murmelten pathetisch die wilden Pfauen oben auf der Tempelruine, machten Prophetengesichter und schlugen rauschend stahlblau schimmernde Räder.
Und wären nicht die Schafherden des Emirs des Weges gezogen, hätte es auch so kommen müssen.
Da aber wendete sich das Schicksal.
„Hirten haben wir nicht, unberufen, die dreinreden dürften,“ meinten die Schafe — „warum sollen wir diesen jungen Löwen also nicht mitnehmen?
Übrigens die Witwe Bovis macht’s gewiß gern, erziehen ist ja ihre Leidenschaft. Seit ihr Ältester nach Afghanistan geheiratet hat — (die Tochter des fürstlichen Oberwidders) —, fühlt sie sich sowieso ein bißchen einsam.“
Und Frau Bovis sagte kein Wort, nahm das Löwenjunge zu sich, säugte und hegte es — neben Agnes, ihrem eigenen Kind.
Nur der Herr Schnucke Ceterum aus Syrien — schwarz gelockt und mit krummen Hinterbeinen — war dagegen. Er legte den Kopf schief und sagte melodisch: „Scheene Sachen werden da noch emol ’erauskommen“, aber weil er immer alles besser wußte, kümmerte sich niemand um ihn. — Der kleine Löwe wuchs erstaunlich, wurde bald getauft und erhielt den Namen „Alois“.