„Ist denn tatsächlich etwas Wahres an dieser geheimnisvollen Präparationsmethode Fabio Marinis? — Glaubst du wirklich so fest daran, Sinclair? —“
„Von ‚glauben‘ kann hier gar keine Rede sein. Mit diesen Augen habe ich in Florenz eine von Marini präparierte Kindesleiche gesehen. Ich sage dir, jeder hätte geschworen, daß das Kind bloß schlafe, — keine Spur von Starre, keine Runzeln, keine Falten — sogar die rosa Hautfarbe eines Lebendigen war vorhanden.“
„Hm. — Du denkst, der Perser könnte wirklich Axel ermordet und — — —“
„Das weiß ich nicht, Ottokar, aber es ist denn doch unser beider Gewissenspflicht, uns Gewißheit über Axels Schicksal zu verschaffen. — Was, wenn er damals durch irgendein Gift bloß in eine Art Totenstarre versetzt worden wäre! — Gott, wie habe ich auf dem anatomischen Institut den Ärzten zugeredet, — sie angefleht, noch Wiederbelebungsversuche zu machen. — — — Was wollen Sie denn eigentlich, hieß es, — der Mann ist tot, das ist klar, und ein Eingriff an der Leiche ohne Erlaubnis des Doktor Darasche-Koh ist unzulässig. Und sie wiesen mir den Kontrakt vor, in dem ausdrücklich stand, daß Axel dem jeweiligen Inhaber dieses Scheines seinen Körper nach dem Tode verkaufe und dafür bereits am so und sovielten 500 fl. in Empfang genommen und quittiert habe.“
„Nein, — es ist gräßlich, — und so etwas hat in unserem Jahrhundert noch Gesetzeskraft. — So oft ich daran denke, faßt mich eine namenlose Wut. — Der arme Axel! — Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, daß dieser Perser, sein wütendster Feind, der Besitzer des Kontraktes sein könnte! — Er war immer der Ansicht, das anatomische Institut selbst — —“
„Und konnte denn der Advokat gar nichts ausrichten? —“
„Alles umsonst. — Nicht einmal das Zeugnis des alten Milchweibes, daß Darasche-Koh einmal in seinem Garten bei Sonnenaufgang den Namen Axels so lange verflucht habe, bis ihm im Paroxysmus der Schaum vor den Mund getreten sei, wurde beachtet. — — Ja, wenn Darasche-Koh nicht europäischer medicinae doctor wäre! — Wozu aber noch reden, — willst du mitgehen oder nicht, Ottokar? Entschließe dich.“
„Gewiß will ich — aber bedenke, wenn man uns erwischt — als Einbrecher! — Der Perser hat einen tadellosen Ruf als Gelehrter! Der bloße Hinweis auf unseren Verdacht ist doch, — weiß Gott, — kein plausibler Grund. — Nimm es mir nicht übel, aber ist es wirklich ganz ausgeschlossen, daß du dich geirrt hast, als du Axels Stimme vernahmst? — — Fahre nicht auf, Sinclair, bitte, — sage mir noch einmal genau, wie das damals geschah. — Warst du nicht vielleicht schon vorher irgendwie aufgeregt?“
„Aber gar keine Spur! — Eine halbe Stunde früher war ich auf dem Hradschin und sah mir wieder einmal die Wenzelskapelle und den Veitsdom an, diese alten fremdartigen Bauten mit ihren Skulpturen wie aus geronnenem Blut, die immer von neuem einen so tiefen, unerhörten Eindruck auf unsere Seele machen, — und den Hungerturm und die Alchimistengasse. — Dann ging ich die Schloßstiege hinab und bleibe unwillkürlich stehen, da die kleine Tür, die durch die Mauer zum Hause Darasche-Kohs führt, offen ist. — Im selben Augenblick höre ich deutlich, — es mußte aus dem Fenster herübertönen — eine Stimme (und ich schwöre einen heiligen Eid darauf: es war Axels Stimme) — rufen:
Eins — — zwei — — drei — — vier. —